Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Spot an! Auftritt eines vergessenen Vehikels

 

 

Huch – hier ist ja alles schwarz-weiß!
Das denke ich, als ich das Auto am Ende der Straße parke.
Ich wollte mal wieder los. Ich wollte mal wieder Fotos machen. Mal wieder mich überraschen lassen von dem, was ist.
Es ist auch gar nicht weit – der Hund schnell eingepackt. Und die Schwimmbadtasche, die schon fertig gerüstet neben der Haustür steht, wird ignoriert. Schwimmbad? Klingt nicht so richtig so, wie ich mich fühle. Heute wenigstens.
Oben in Geigersau weht ein kleiner Wind. Er weht oft da. Lässt sich gerne anlocken von dem schönen Ort, wie es scheint. Aber der kleine Wind tut nur harmlos – er kann giftig sein – so wie heute.
Sogar der Hund pfeift überrascht, als wir langsam losgehen. Der kleine Wind hat’s in sich. Frostig ist er und voller Eiskristalle, die er auch gerne verteilt – mal hierhin und mal dort, auf Tannenspitzen und Stacheldrahtzäune und auf einzelne Grashalme.
Gut, dass ich die Handschuhe wenigstens mitgenommen habe, denke ich. Trotz Fotoapparat. (Und natürlich Leckerli und Leine und Tütchen für den Fall der Fälle.)

Doch Handschuhe und Fotografieren – das beißt sich irgendwie. Und so beißt halt der kleine Wind in jeden meiner Finger. Einzeln und alle zusammen – er ist da nicht wählerisch.
Die Welt um uns herum ist still und weiß und grau in allen Schattierungen. Vielleicht ist der kleine böse Wind daran Schuld, dass die Landschaft die Farben ausgeknipst hat wie ein buntes Lämpchen?

Und dann finde ich es: Ein Vehikel, das vergessen und windschief rumsteht, mitten in der  grauweißen Landschaft, neben einem mächtigen, vollkommen in Weiß getauchten Baum, ein Ding auf Rädern, das vielleicht noch übrig ist vom letzten Sommer und das traurig und von der Winterwelt missachtet nutzlos sein Dasein fristet.

Plötzlich schiebt die Sonne nur eine Schicht des weißen Wolkendunstes beiseite und lugt durch den Tüll mal kurz runter zu uns. Und in dem Moment, als ich auf den Auslöser drücke, sieht es aus, als stünde das Gefährt im Scheinwerferlicht: Als Hauptattraktion im Landschaftstheater – fröhlich, farbig-bunt. Nur heute und gerade jetzt und für mich allein. Ich glaube, der windschiefe Wagen hat schon sehr lange auf diesen Moment gewartet.

Was soll ich sagen? Wir genießen beide unser Glück  – und der kleine böse Wind ist uns gerade mal einfach egal.

Spot an

Tataaaaa! Spot an!

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Spuren auf dem Scheunendach

Der erste Blick heute aus dem Fenster im ersten Stock.
„Ohhhhh –  guck mal – gegenüber auf dem Scheunendach!“
„Mmmh?“ Er quält sich von seinem Bürostuhl hoch. Der beste Mann undso (ihr kennt ihn ja schon) guckt.
„Aaah – ja. Ist ja interessant!“
„Interessant?“ Ich gucke ihn von der Seite an. Bloß interessant?, denke ich ein bisschen verstört und versuche, ihn mit tiefen Blicken dazu zu bringen, nochmal nachzudenken.
Er merkt, dass etwas ist. Dass mir irgendwas missfällt.
Wenigstens das, denke ich und verschränke schonmal die Arme.
„Ja also“, er kneift die Augen zusammen, blinzelt. „Vielleicht war das ein Habicht oder so? Oder eine Eule? Vielleicht eine Eule? War das schon gestern da, weil wenn nicht, dann muss es ja heute Nacht…….?“
„Pffff…“ Die Luft kommt einfach so aus mir raus. Weiß auch nicht, woher.
Er schenkt mir einen kleinen Seitenblick. Wie um abzuschätzen, wie schlimm es ist.  Dann krault er sein Kinn (da, wo vor ungefähr 15 Jahren mal ein Bart war..)
„Ja also, weißt du, ich kenne mich nicht so aus bei den Vögeln und vielleicht kann man ja anhand der Form des Abdrucks….. Im Internet vielleicht…?“
„Pffffffffffffffffff…“ Schon wieder diese Luft von irgendwo. Und gleich so viel!
„Vogel? Welcher VOGEL?“, japse ich und strecke die Hand aus. So als ob er dann besser sehen könnte. Obwohl er doch eh schon auf die Schneefläche starrt. Volle Konzentration und trotzdem sieht er es einfach nicht.
Er hebt die Schultern. Gleich gibt er auf. Ich ahne es.
„Also tut mir leid….. Wie gesagt….. Keine Ahnung…..!“
Männer sind manchmal wirklich so schwer von Begriff, denke ich.
Männer wissen einfach NICHTS!
„Das ist“, beginne ich ganz langsam, jedes Wort beladen mit dem Gewicht meiner ganzen pädagogischen Verantwortung,  „- es ist doch ganz eindeutig! Schau mal GENAU hin!“
Er schaut. Und schaut. Und schweigt.
„Die gebogenen Flügel. dieses körperähnliche Gebilde in der Mitte – Und dann auf dem DACH!“
Keine Reaktion. Der beste Ehemann undso zuckt und windet sich ein bisschen, atmet erstmal hörbar ein, dann wieder aus, und – schüttelt den Kopf.
„Sorry, keine Ahnung!“
Ich lasse die Hand sinken.
„Ach – das ist doch ganz klar!“ Jetzt bin ich schon ein bisschen ärgerlich. Beinahe beleidigt. Denn es liegt doch auf der Hand, oder? Ist doch wirklich nicht so schwer zu sehen, oder? Es gibt WIRKLICH keine deutlichere Spur, oder? Und wenn einem so was mal begegnet, dann ERKENNT man das doch, oder? Jeder normal denkende Mensch würde sowas sofort und auf den ersten Blick —- oder etwa nicht?
Ich spreche nicht aus, was ich denke. Dafür senke ich den Kopf und luge bedeutungsschwer über den oberen Brillenrand.
„Mensch – das war  – EIN ENGEL!“ Flüsternd kommen die Worten über meine Lippen. Gerade so, dass er es hören kann.
Ich starre ihn an und er starrt zurück, seine Augen ganz groß vor Überraschung, sein Mund zuckt und seine linke Augenbraue auch.
Dann schlägt er sich mit der flachen Hand an die hohe Stirn.
„Ganz klar!  Ein Engel!“ Er sagt das ganz ruhig. „Wieso bin ich dadrauf nicht gekommen?“
Ich nicke zufrieden. Vielleicht wissen Männer von Engeln wirklich fast NICHTS. Aber meiner schon.


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Lavendelkiller

Ab -!

Ab -!

Jetzt ist es passiert.
Der Lavendel ist ab.
Pragmatismus vor Schönheit. Verstand vor Auge.
Natürlich war ich wieder zu spät dran, der Strauch hat schon ziemlich verholzte Stellen.
Selbst schuld.
Immer wieder klappte die Schere mit dem Maul. Wusste es besser.
Mahnte zum radikalen Schnipp und zum lavendelkillenden Schnapp.
Aber die Bienen…
Aber das schöne Blau vor dem Rosenrosa…
Nichts genützt – jetzt liegt ein kleiner Rest von ihm hier so rum zum Trocknen.
Galgenfrist, nur morgen noch.
Dann näh ich ihn ein
und die Nase freut sich schon:
Wintersommerduft auf dem Schreibtisch.