Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Wasser

Komisches Gefühl, wenn verschiedene, widerstrebende Eindrücke zugleich auf mich einstürmen. Beim Spaziergang gab es plötzlich Seen, wo noch nie welche waren und Bäche statt Asphalt. Der ferne Fluss toste bis zu mir herauf – und später hörte ich im Radio von Windhosen in Bayern.

Aber es gab auch die eine weiße Wolke, die wie leichte Seide das klitzkleine Stück Himmel verdeckte. Es gab weißen Dunst, der schüchtern am Waldrand ausgebreitet lag. Und den Vögeln wars sowieso piep-egal. Sie sangen und flogen als wär alles wie immer. Frühling? Oder noch immer Winter? 

Zwei Milane kreisen ruhig über mir und dem vielen Wasser und über dem Dunst. Ich beneide sie ein bisschen wegen ihrer wunderbaren Flugkünste und wegen ihres federleichten Überblicks. 

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Konjunktiv-Stolpersteine

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit der Mit-Bloggerin Clara Himmelhoch übers Steinsammeln hier ausgetauscht. Ich dachte, wenn ich mal darüber spräche, dass ich an allen steinigen Orten der Welt  den Zwang verspüre, mich zu bücken, um Steine jeder Form und Größe aufzuheben, wenn ich also sozusagen diese Sucht nach Steinen öffentlich machte, dann – ja dann, würde vielleicht ein Wunder geschehen.
Die Steine-Sammel-Leiden-Schaft würde erlöschen.
Eigentlich hatte ich sie ja schon ganz schön im Griff. Seit die beste Hälfte, die ich je hatte, ausrief, er werde nicht mehr für mich den Packesel machen, (Nie mehr!), seitdem ließ ich die dicksten Brocken links liegen. Aber auch kleine Steine sind, in der Masse betrachtet, im Weg, stapeln sich in Ecken, auf Simsen und auf Schreibtischplatten.
Also, so ein Suchtlöscher wäre was gewesen.
Leider: Es hat nicht gewirkt. Das Aussprechen des Steinesuch-Verlangens hat diese irgendwie noch befeuert. Gestern an der Ammer konnte ich nicht mehr an mich halten: Gestreift, zart liniert, gefleckt, verformt, kugelrund, oval, reichlich schräg, gerillt, genoppt, zerfurcht und irgendwie verknotet, rissig, glatt und weiß und grau, beinahe schwarz, dick, zackig, riesengroß und winzig, rau, ringelig, kurvig, silberglitzernd – alle Steine waren da.
Immerhin: Nur ein paar steckte ich in meine Jackentasche, die anderen fotografierte ich.

So weit, so gut. Und dann stolperte ich über IHN.
Der faustgroße Brocken lag mir vor den Füßen. Es war der ultimative Stein an diesem Nachmittag – ein Traum in glitzerweiß und grau, verschwurbelt und verschrundet, mit Kuhle in der Mitte und eine Art Abfluss quer drüber.
Er muss!, dachte ich. Er MUSS einfach mit!
Ich nahm ihn hoch, trug ihn ans seichte Ufer, um seine Unterseite abzuwaschen. Damit er ohne Schlamm gewesen wäre – in seiner ganzen Schönheit!
Er war schon ein bisschen schwer – aber gerade so, dass ich ihn locker hätte mitnehmen können.
Hätte!
Als Behälter hätte er dienen können.
Ein kleiner Ring hätte in die Vertiefung gepasst oder ein leeres Schneckenhaus, eine getrocknete Blüte oder ein anderer winziger Stein, eine Perle oder eine Glaskugel…

Hätte.
Wäre.
Könnte.

Hätte sich nicht jemand eingemischt, wäre das alles Wirklichkeit geworden.
Dieser Jemand war mein Hund. Er hat unbestritten wirklich keine Ahnung von Grammatik – aber er erschuf  das Hätte Gewesen Sein Können. Er schob seinen Kopf zwischen mich und den Stein, klatschnasses Fell streifte mein Gesicht, ich schimpfte los – und schon war der Stein für ihn leichte Beute.
Mein Hund fackelte nicht lange. Mit heiligem Eifer kickte er den Stein mit den Vorderpfoten weg. Immer unter seinem eigenen Bauch hindurch. Schwupp. Nochmal.  Schwupp. Und schon wieder. Schwupp-schwupp-schwupp. Zielsicher. Effektiv. Und ohne Konjunktiv.
Sehr schnell arbeitete er sich vor und war im Pfotenumdrehen da, wo auch die wasserfestesten Wanderschuhe kapituliert hätten. Und Winken und Rufen? Hätte ich mir sparen können: Mein Hund war mitten in der wichtigsten Arbeit und unablenkbar. DER Stein musste weg!
Und? Er schaffte es locker. Leicht. Elegant und sicher.
Nach den letzten Vorderpfoten-Schüssen landete der Stein mit dumpfem „Klock“ in der Strömung.
Geschafft!
Mein Hund, stolz wie Oskar, schwänzelte herbei, voll überzeugt: Das war 1A!  Zu hundert Prozent leckerliwürdig war das!

Ich lächelte überlegen. Denn ich kenne den Konjunktiv: Es hätte wirklich leckerliwürdig sein gekonnt!


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Foto des Tages

Ein- und Drauf- und Durchblicke

Ein- und Drauf- und Durchblicke

Wirklich schwimmen gehen? Jetzt um sieben? Bestimmt regnet‘s gleich! Ganz bestimmt! Die Wetterfee hat‘s gesagt. Im Fernsehen. Und das Wasser ist sicher schon viel kälter geworden bei den Temperaturen nachts! Hast du nicht erst gestern die Jacke gebraucht auf der Terrasse? Bist beim Ratsch mit Freunden dicht ans Feuer gerutscht? Und die Mücken – sie warten schon! Jetzt – wo‘s auch noch regnet! Und da – ein paar Tropfen fallen tatsächlich auf den Holzboden des Balkons. Es klingt, als würde jemand kleine Steinchen werfen in unregelmäßigen Abständen. Klick. Und klack. Hörst du das nicht?
Jaja – das sind die die Badevergnügen-Verhinderer. Ich kenne sie schon, diese Burschen, die Spaßverderber. Die Kritiker, die irgendwo in der Ecke hocken wie Statler und Waldorf auf dem Balkon im Muppet-Theater.
Hm. Im Schlafanzug gehe ich gucken. Eigentlich – der Himmel sieht so schlecht nicht aus, die Luft fühlt sich warm an – und der Regen? Hat nur ein paar Tropfenspuren auf dem Tisch hinterlassen. Also gut, sagen die Badevergnügen-Ausreder. Dann geh eben! Wirst schon sehen!
Es ist dämmrig, alle Autos fahren mit Licht. Auch der schönste Sommer, denke ich, geht irgendwann. Auch das beste Badevergnügen, denke ich, hat mal ein Ende.
Ach nein! Bitte nicht! Bitte keine Wehmut oder sonst so ein dummes Gefühl, das sich bloß zu den Badevergnügen-Ausredern gesellt und ihnen Beistand leistet! Das mich in Watte packt und mir den Blick verstellt, damit ich nicht mehr richtig sehen kann. Alle Miesmacher der Welt: Lasst mich in Ruhe!
Rein ins Wasser. Raus auf den See. Rückenlage. Himmelsausblick. Da ist das Nahe und das Ferne. Wolken und grenzenloses Blau. Wandel und ewiges Versprechen, klare Linien und verwischtes Nebeneinander. Wie es halt ist. Einfach so.

PS: Die Badeseen im Brucker Land sind noch immer klasse und warm: Aktuelle Ausschreibungen des Landratsamtes Fürstenfeldbruck


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Verkringelt traurig

Armer Gartenschlauch

Armer Gartenschlauch

Sie stehen auf mir, sagen sie. Und sie meinen das nicht eben freundlich. Sind sauer auf sich UND auf mich und tun sich auch noch leid. Wo ICH dabei doch alles abkriege. Ihre Tritte. Und ihr Unbehagen.

Sie sehen mich nicht, wie ich mich schlängle im schönsten gelb-und-rotgestreift. Wie ich das Wasser im Zaum halte, das unbedingt sprudeln will, wie es ihm passt – nicht wie sie wollen, schön geordnet aus den Anschlussstücken, die sie mir an den Kopf binden. Sprüher und Sprenger mit verschiedenen Öffnungen, damit das Wasser regnet und spritzt und sprüht und auch duscht, wenn sie sich drunterstellen wollen.

Sie merken nicht, welche Anstrengung es kostet, wie jeder Millimeter an mir arbeitet, wenn das Wasser mich aufbläht und beinahe zum Bersten bringt, weil es aus mir herausbrechen und seine Wildheit ausleben will – nur, weil sie wiedermal vergessen haben, den Hahn abzudrehen.
Missachtet fühle ich mich. Ausgelaugt und leer. Mies und verschlängelt. Tue seit Tagen meine Arbeit, ohne auch nur das kleinste bisschen zu zischen oder auch nur leise zu tröpfeln!

Sie kommt! Da! Die Herrin über den Wasserhahn. Steigt über mich hinweg und schaut seufzend zum Himmel: Noch immer kein Tropfen Regen, sagt sie.
Keinen einzigen Blick hat sie für mich! Verkringelt traurig ist das. Ich armer Wurm von einem gelbrotgestreiften Gartenschlauch!