Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Prellrippchen

 

Fußball - und PrellrippeKnacks. Aua. Luftnot und Gewimmer. Schmerz bei der allerkleinsten Bewegung. Wie ein Schwert, das mich durchbohrt. Funkensprühend. Heißwiesau.
Diagnose: Rippenprellung. Der Arzt sagt es ungerührt. Ob gebrochen oder nicht, sagt er, macht keinen Unterschied.
Es schmerzt halt, sagt er er. Und es dauert.
Naja, denke ich. Ärzte übertreiben. Und wenn das Distorsions-HWS-Dings, das er auch noch gleich der schweigenden, im Weiß ihres Kittels, der Haare und des blassen Make-ups versinkenden Sprechstundenhilfe in die Tasten diktiert, erstmal weg ist – Phh. Dann geht‘s mir wieder gut. Lääääängst!
Also ich rate zu Ruhe, sagt er. Aber nicht zu viel davon. Damit keine Schonhaltung entsteht – Sie wissen schon.
Ich weiß schon? Ich denke kurz nach und dann an die Zombiene, die mir begegnet ist. Draußen im Gang, beim großen Garderobenspiegel, vor ein paar Minuten. Gebückt. Verbogen. Schulter krampfhaft hochgezogen, Kopf ein bisschen schief.
DAS war Schonhaltung.
Ich nicke.
Alles klar.
Hatte exakt meine Klamotten an, dieses krumme Monster. Warum bloß fällt mir das jetzt ein?
Das war ich nicht, stottere ich.  – Und:  AUTSCH
Ich halte das schon aus.
Ich versuche, den Arzt anzusehen, blöderweise steht er direkt neben der geprellten Rippe, also seitlich. Ich kann – bei maximal starrem Oberkörper – ein bisschen den Kopf drehen und dann mit den Augen halbschräg nach oben – AUAAAA!
Ich schreibe Ihnen ein Schmerzmittel auf.
Wieder diktiert er, die blasse Frau tippt, er reicht mir die Hand.
Vergiss es, denke ich. Vergebliche Mühe. Ich nehme niemals Schmerzmittel. Wirklich gar-nie-niemals! Schon überhaupt nicht wegen sowas. Wegen so ein bisschen Prellrippchen!
Leider kann man bei Rippen gar nichts machen, sagt er zum Abschied. – Soll das tröstend sein? – Nur Schmerz lindern und warten, dass es besser wird.
Und dann ist er weg. Ich schleppe mich hinter Kittelschneeweißchen her und hinaus. Nehme das Rezept in Empfang, schlurfe zum Ausgang. Lift. Straße. Da vorne wartet die beste Hälfte, die ich je hatte.
Na, wie war‘s?
Alles okay. Rippenprellung. Meine Stimme quetscht. Kann kaum atmen, die rechte Seite fühlt sich an wie ein mit heißer Lava gefüllter Sack.
Ohje. Hast du ein Rezept gekriegt? Schmerzmittel?
Kurz überlege ich. Dann schüttele ich den Kopf. Oder besser: Ich hoffe, dass der Hauch von Bewegung, den ich zustande bringe, als Kopfschütteln interpretiert werden kann.
Aber hör mal! – Die beste Hälfte, die ich je hatte, schnaubt.
Klar hast du! Ich kenne dich.
AAAABBBEEER. Er nimmt die Rechte vom Lenkrad, hebt den Zeigefinger.
Die Lesung! sagt er. Willst du nicht fit sein? Sonntag! Die Anthologie! Salon Irkutsk! München, Isabellastraße! Fußball! Er wirft mit den Worten herum. Erzählt mir begeistert, was ich schon weiß. Das neue Buch, lauter Geschichten rund ums runde Leder, Realträumereien zur Fußball-WM.
UND ich mittenmang.
UND ich lese meine Geschichte!
Ja-Hurraaua-autsch!
Na siehste! Er feixt.
Da hinten ist eine Apotheke. Ich halt mal schnell an.
Er wedelt mit der Rechten, ich gebe ihm das Rezept. Lässig-ergeben. Ich kann ja nicht anders, wenn die beste Hälfte, die ich je hatte, so ein Brimborium macht.
Aber nehmen tu ich die nicht!, sage ich und das Schwert sticht schon wieder, röchelnd japse ich nach Luft.

Die beste Hälfte springt aus dem Wagen und ist schon drin in der Apotheke. Kauft Schmerzmittel. Für mich. Wo ich doch, siehe oben, Schmerzmittel nicht nehme. Niemals.
Als er zurückkommt, die winzige Knistertüte lässig hin und her schaukelnd, lächelt er. Dann schwingt er sich ins Auto und neben mich, legt mir das Tütchen in den Schoß. Kramt eine Wasserflasche aus dem Handschuhfach. Dreht den Verschluss auf.
Nur wegen der Lesung, sagt er.
Ich bleibe ruhig. Nicke, soweit Prellrippchen es erlaubt. Und das ist wenig. Sehr wenig. Ein Hauch von Nicken, sozusagen.
Klar, die Lesung!
Nur die Lesung. Ausschließlich wegen der Lesung greife ich brav zur Pille, obwohl ich doch niemals….
Ich trinke. Schlucke.
Noch während das weiße Dings meine Speiseröhre runterrutscht, weiß ich plötzlich: Die Wahrheit ist anders.

Und wenn ich jetzt könnte wie ich wollte!
Dann würde ich, jawoll!
Mich hinüberbeugen zur besten Hälfte, die ich je hatte.
Mich auf ihn stürzen – ihn abknutschen und ganz fest an mich drücken.
Bitteschön: Hat er mich etwa nicht gerettet? MICH – und bytheway- die Lesung auch?
Aber ich kann nicht. AUUUUTSCH. Prellrippchen wirft sich dazwischen, ist strikt gegen Knutscherei.
Ich denke an die weiße Pille.
Warte nur, sage ich still zu mir. Und zu Prellrippchen.
Bald…

Und hier nun, für alle, die gerne kommen möchten:

„Fußball – nur eine Nebensache?“ Literatur ums runde Leder.

Lesung aus der Anthologie am Samstag, 18 Mai. 2014, 19 Uhr. (Einlass 18.30 Uhr),
Salon Irkutsk, Isabellastr. 4, 80798 München.

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Lesung im Stemmerhof

Berauscht & BesessenWer mich gerne einmal live erleben möchte, der komme am kommenden Samstag, 23.11.2013, 19 Uhr, in den Literaturkeller im Stemmerhof, Plinganserstr. 6 (Eingang: Jägerwirtstraße 4), 81369 München.

Ich lese mit vier anderen Autoren, die allesamt dem Münchner Künstlerverein „Realtraum e.V.“ verpflichtet sind, der auch Veranstalter des Abends ist. Mit von der Partie sind außerdem eine Reihe bildender Künstler, die ihre Werke ausstellen werden. Auch sie gehören ebenfalls dem Verein an.

Ich lese meine Kurzgeschichte „Vinzenz“, in der es sehr viel um Musik geht , fast genauso viel um Begeisterung und ein bisschen auch um die Liebe. Begleiten wird mich mein Mann, Gerhard Kaßing, der mit den Saiten seiner Gitarre meine Worte auf seine Weise zum Klingen bringen wird.

Die Kurzgeschichte gibt’s in gedruckter Form in der Anthologie „Berauscht & Besessen“, die im September vom Verein Realtraum e.V. herausgegeben wurde und beim muc-Verlag erschienen ist.

Eintritt: 7 €  (- inkl. Snacks), Reservierungen sind vielleicht sinnvoll, da der Raum sehr klein ist. Hier gibt‘s weitere Infos:
Kartenreservierung – REALTRAUM e. V. – Literatur | Bildende Kunst | Musik | München
Bücher – muc Verlag

Und über die Mitwirkenden:
Sabine Brandl Home – Autorin Sabine Brandl
Jan-Eike Hornauer Textzüchterei Hornauer
Günter Kohlbecker Belletristik | Günter Kohlbecker
Karsten Beuchert  Karsten Beuchert – REALTRAUM e. V. – Literatur | Bildende Kunst | Musik | München

Die Bildenden Künstler:
Gisela Weinhändler  www.gisela-weinhaendler.de
Monika Veth Start Seite – veths Jimdo-Page!
Iris Wassil Iris Wassill – REALTRAUM e. V. – Literatur | Bildende Kunst | Musik | München
Tanja Federl Tanja Martina Federl Fotokunst

Musik:
Gerhard Kaßing
Er präsentiert sich im Netz ganz hauptberuflich: Scheidung München | Ihr Experte in München


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Stolpersteine – und diesmal ein ziemlich ernster Text

Das Scherrer-Haus in Schöngeising

Das Scherrer-Haus in Schöngeising

Steine in den Weg gelegt bekommen, das möchte eigentlich niemand. Schon gar keine Stolpersteine. Sie zwingen einen, abzubremsen und stehen zu bleiben. Mitten aus dem Lauf heraus den Blick aus der Ferne zu holen, ihn auf dieses Ding vor den eigenen Füßen zu richten. Auf das Ärgernis, das einen daran hindert, weiter vorwärts zu hasten, den Zielen entgegen, die irgendwo am Horizont lockend ihre Arme schwenken.
Stolpersteine sind lästig. Man möchte sie wegräumen. Ignorieren. Drumherum gehen. – Zumal sie einen, wenn man ganz un-achtsam ist, auch noch ganz schön ins Straucheln bringen – und schmerzen können.
Doch Stolpersteine sind noch viel mehr: Eine Chance, ich würde sogar sagen, ein Luxus. Gerade weil sie dazu zwingen, innezuhalten. Achtsam zu sein. Hin- und nicht vorbei zu sehen. Die Schmerzen auszuhalten.
Der Künstler Gunter Demnig aus Frechen bei Köln macht Stolpersteine. Es sind kleine Rechtecke aus Messing und sie erinnern an die Opfer des Naziterrors. Über 40.000 von ihnen hat Demnig schon in Deutschland und Europa in den Boden eingelassen  – vor den Häusern, in denen die Verfolgten vor ihrer Verschleppung und Ermordung als normale Bürger gelebt haben.
Demnig kommt nun am 10. September nach Schöngeising, um gegen 16 Uhr auch hier einen Stolperstein zu setzen. Vor dem Haus, in dem die Malerin Johanna Oppenheimer vor ihrer Festnahme gelebt hat: Dem Scherrer-Haus, das heute Gemeindehaus ist, in der Amperstraße 22. Johanna Oppenheimer wurde von den Nazis von hier verschleppt, zuerst ins Sammellager Milbertshofen, später nach Theresienstadt, wo sie 70jährig, einen Tag vor Weihnachten 1942 starb.
Die Gemeinde Schöngeising hat sich den Luxus geleistet: Mitten im ausgelassenen Festgetümmel zur 1250-Jahr-Feier will sie anhalten. Auf den Boden schauen – und damit auch in den Abgrund einer dunklen Zeit, vor der auch der schöne Ort an der Amper nicht gefeit war. Ich finde das, ganz ehrlich, einfach großartig.

stolpersteine.eu: Stolpersteine
Kulturverein Schöngeising e.V.

Nachtrag: Am 10.09. um 10.30 Uhr veranstaltet der Kulturverein Schöngeising eine Lesung im Bürgerhaus:
„Schwarze Milch in der Frühe – Literatur aus dem Lager“
Mit Texten von Paul Clean („Todesfuge“), Edgar Kupfer-Koberwitz („Als Häftling in Dachau“) und Peter Weiß („Die Ermittlung“).
Musik; Erik Satie, Viktor Ullmann und Rudi Guguel
Lesung: Michaela Stögbauer und Rolf P.Parchwitz
Klavier: Monika Stöhr
Dramaturgie und Textmontage: Rolf P. Parchwitz
Mitarbeit: Martina Schnell


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Spaziergang mit Geschichte

Keine Lust auf Badesee? Wer will, kann heute abend ab 18.00 Uhr Kreisheimatpfleger Toni Drexler auf einen Spaziergang zum Kalvarienberg in Wenigmünchen und zu den Sühnekreuzen von Unterschweinbach begleiten. Auf dem Kalvarienberg gibt es eine Grablegungskapelle und barocke Kreuzwegstationen zu sehen. In Unterschweinbach wird Toni Drexler alte Sagen und historisch Interessantes über die Herkunft der sagenumwobnenen drei Steinkreuze in Unterschweinbach zu erzählen wissen. Die Führung ist kostenlos und wird bis etwa 20 Uhr dauern. Treffpunkt: In Wenigmünchen: Pfarrkirche, 18 Uhr, In Unterschweinbach: Ortsmitte am Maibaum, ca. 18.45 Uhr. Viel Spaß!