Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Der Krapfenkarton

Ein Kommentar

Ich habe so viele Reaktionen auf mein Bekenntnis zu glutenfreiem Essen bekommen! Und es gab nicht wenige, die mir sagten, dass sie das nie könnten. Auf so viele Sachen verzichten. Semmeln und Brezen und Vollkornbrot – und hin und wieder ein dickes Stück Kuchen. Es fielen die Worte: Disziplin und Durchhalten und Konsequenz.
Hm.
Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Ich bin gar nicht besonders diszipliniert. Und schon gar nicht bin ich eine Meisterin des Durchhaltens.

Ich versuch’s mal so:
Wie bei den meisten Menschen, regieren mich eine ganze Horde von verschiedenen Stimmen.
Da ist die „Du musst dich kümmern“-Stimme. Sie klingt meistens ein bisschen grell und löst einen unangenehmen Selbstverleugnungsreflex aus.
Oder die „Ohhh – ich habe gar keine Zeit“-Stimme. Sie flüstert mir ihre Botschaften so entnervend ins Ohr, dass ich geneigt bin, (fast) alles um mich herum zu ignorieren. Vögelgezwitscher zum Bespiel, das Lächeln meines Gegenübers oder auch das Bedürfnis meiner Lungen, mal so richtig mit Luft vollgepumpt zu werden.
Oder die „Heute-habe-ich-zu-nichts-Lust“-Stimme. Die ist sehr dunkel gefärbt und redet seeeehr langsam und verschwommen.

Auch zum Thema Essen gab es schon immer solche Stimmen. Nehmen wir mal an, es geht um: Krapfen
Die Pieps-Sopranistin, sagt dazu Folgendes: „Mhhhhmmm – guck mal die vielen Krapfen! Lecker! Du brauchst die jetzt unbedingt! Wenn du jetzt nicht mindestens einen Krapfen aus dem Karton isst, dann fällst du mindestens tot um.“
Darauf antwortet meistens der Bass. Erst ist er grob zur Sopranistin („Hat die Klappe!“), dann hält er ausschweifende Vorträge, in denen „Du darfst nicht“, „Du musst“, „unbedingt“ und „bei Strafe verboten“ vorkommen.
Doch: Er hat nie eine Chance, der arme Bass. Weil es den Flüsterer gibt, der wispert: „Ach komm – einmal ist keinmal.“
Und flugs ist der Krapfen verschlungen.

Ja. So war es. Richtig gelesen: War. Nicht ist.
Denn: Irgendwas ist passiert. Seit ich mich entschlossen habe, anders zu essen, sind diese Stimmen verstummt. Natürlich gibt es noch hin und wieder Versuche, vor allem von der Pieps-Sopranistin („Krapfen! Krapfen!“).
Aber – es ist eine neue Stimme dazu gekommen. Eine Stimme aus dem Hintergrund, sozusagen.
Sie spricht leise und langsam und klingt, als würde sie gerne bedächtig den Kopf hin und her wiegen. Sie sagt: „Okay, einmal ist wirklich nicht schlimm. Lass’ es dir schmecken, wenn du willst.“

Und dann? Dann rührt sich seit Neuem etwas in mir. Eine sichere Gewissheit. Ganz tief aus dem Bauch kommt sie. Sie sagt, dass der Krapfen eigentlich gar nicht so verlockend ist. Dass ich ihn jetzt wirklich nicht brauche. Denn: Ohne ihn fühle ich mich so gut und leicht und klar wie schon lange nicht mehr. Warum sollte ich das ändern wollen?
Disziplin? Ich? Eher selten. Und durchhalten? Was denn sollte ich durchhalten?
Es ist wirklich ganz simpel: Ich verzichte nicht. Ich gewinne.

P.S.: Es gibt ganz viele leckere getreidelose Alternativen zum Krapfen. Aber ich kann ja nicht alles auf einmal erzählen… 🙂

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Ein Kommentar zu “Der Krapfenkarton

  1. So ähnlich ging es mir, als ich vegan wurde. Plötzlich hatte das ganze ungute Essen (Muh-Bonbons, Familienpackung Colorado,Haägens Dasz) einfach keine Macht mehr über mich. Und nach einer Weile Abstinenz, fand ich es nicht mal mehr lecker. 🙂

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