Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Die Entdeckung der Langsamkeit

Der Hängemattenblick in den Himmel. Stundenlanges Hinsehen und wahrnehmen: Wolken. Blauer Himmel. Ein Pulk Schwalben, die durch das Bild flitzen und ihre Windsegelkünste vorführen. Nah am Bildrand plötzlich zwei Segelflieger, die elegant sich hochschrauben – und doch sind sie, im Vergleich zu den Schwalben so schwerfällig! Und dann: Nur noch Himmel. Nur noch Wolkengebilde, die sich kaum merklich fortbewegen, die aus sich selbst geboren werden, als Punkt oder als vager Schleier. Die sich verdichten können und kompakt werden. Die aber auch, ganz ganz langsam sich wieder auflösen.

Bewegt sich da überhaupt irgendwas? Oder will ich nur, dass sich was bewegt? Dass Wolkenfetzchen irgendwo sich verdrehen. fortwandern, ausfransen, sich vermischen, voneinander wegdriften?

Ich schaue und schaue. Und ich weiß nicht, was ich sehe und was ich sehen will, was ich mir vorstelle und was mein Auge, mein Gleichgewichtssinn und was weiß ich wer noch mir etwas vorspielt.

Aber eins weiß ich genau: Was für ein schöner, fauler du-bi-duuuu-la-la-Nachmittag! 🙂
Und: Bittesehr! Probiert es aus. Der Film dauert nur eineinhalb Minuten. Was seht ihr?

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…nur so ein Gefühl

Gewitterfalten

Gewitterfalten

„Das ist so ein Gefühl“, sage ich. Und gucke versonnen zu ihm hin. Und suche nach weiteren Worten, nach DEN richtigen Worten. Solchen, die sagen können, was ich sagen will, was ja sowieso immer das Schwerste ist.
Meine beste Hälfte hebt den Blick, ein wenig braucht er, um bei mir anzukommen. Weil immer ein Teil davon haften bleibt an den Nachrichten des Tages, schwarz gedruckt auf dünnem Papier.
„Hm?“, die Frage kommt von weit her. Aus Griechenland vielleicht oder aus der Türkei. Ich weiß es nicht.
„Ja“, erkläre ich. „Dieses Gefühl – ich hatte es vorhin wieder. Draußen. Es war mir abhanden gekommen, in den vergangenen Wochen.“
Das klingt gut. Finde ich.
Doch er schaut weiter fragend, die Zeitung raschelt in seiner Hand. Sie fordert seine volle Aufmerksamkeit, und jetzt drängle ich mich dazwischen.
„Es war nicht mehr da, weißt du?“
„Das Gefühl —?“ Meine beste Hälfte nickt mir aufmunternd zu. So als könnte das Nicken mir die Sache mit dem Gefühl ganz einfach entlocken – und er könnte nach kurzer Zeit dem Ruf der Zeitung wieder folgen und alles wäre gut.
Aber Gefühle sind wichtig, finde ich.
„Gefühle sind doch wichtig,oder!“, rufe ich aus und hoffe, dass er jetzt vielleicht die Zeitung Zeitung sein lässt. Endlich. Beste Hälften sind manchmal sowas von schwer von Begriff!
Ich seufze.
Es klappt. Die Zeitungsseite schwebt auf den Tisch. Er faltet die Hände und stützt die Ellbogen auf, genau neben der Zeitung. Ich finde, es sieht aus, als würde das Dreieck seiner Arme einen besonders wertvollen Schatz beschützen. Seinen Zeitungsschatz.
„Für dich ist die Zeitung wichtiger als mein Gefühl, gell?
Ich ziehe eine Schnute.
„Aber nein! Wie kommst du denn darauf? Ich sitze hier und höre dir zu! Schau!“
Er sieht mich an. Lächelt sogar.
Wartet. Dass ich erkläre, was ich meine. Von mir aus wieder den Faden meines Gedanken aufnehme, ihn neu abwickle für ihn, jetzt, wo die heilige Zeitung Pause hat.
„Naja, das Gefühl eben. Ich sagte es schon!“
Ich habe keine Lust auf Zwirnwicklerei. Kann er nicht mal nach dem fragen, was MICH beschäftigt? Ich sage doch nicht einfach nur Sachen, damit die Luft scheppert!
Und ist sein Lächeln überhaupt echt? Sieht es nicht genervt aus?
Ich sehe zu, wie seine Fingerknöchel langsam weiß werden. Seine Pupillen flitzen einmal schnell von links nach rechts. Erinnerungs-Suchsymptome sind das.
„Hast du mir nicht zugehört? Du hast keine Ahnung, was ich gerade gesagt habe, gell? So ist es immer: Du hörst mir nicht zu! Nie hörst du mir zu!“
Ich werfe mich nach hinten, verschränkte die Arme über der Brust.
Kampfhaltung!

Nach einer gefühlten Ewigkeit sitze ich noch immer auf meinem Stuhl. Fühle mich matschig und müde. Die beste Hälfte, die ich je hatte, steht am Herd und löffelt Kaffeepulver in die Espressokanne. Seine Schultern hängen. Die Zeitung liegt.zerknüllt am Boden. Bedauernswerterweise hat sie meinen Angriff vorhin nicht unbeschadet überstanden.
Wir schweigen, die Luft zwischen uns hängt voller Eiszapfen, unter der Decke schmoren noch ein paar Gewitterwolken vor sich hin. In Auflösung begriffen, weil Akku leer: Zu wenig Energie für noch mehr Blitz und Donner.

Schließlich dreht er sich um, den Kaffeelöffel noch in der Hand, ein paar Kaffeekrümel fallen auf den Boden.
„Eins würde mich jetzt doch noch interessieren“, sagt er. Zieht müde die Brauen hoch. Aber nur ein bisschen.
„Von welchem Gefühl wolltest du mir eigentlich erzählen? – Irgendwas von ‚verschwunden‘ hast du gesagt – Also , ich meine, Wut kann’s nicht gewesen sein, die war nun wirklich noch da – ohne Abstriche! Volle Sahne!“
Etwas in seinen Augenwinkeln blitzt. Der Löffel beginnt zu zittern. Und dann bricht es los: Erst sein Lachen. Dann, nach ein paar Sekunden auch meins.

Und das Gefühl? Hm? Welches Gefühl?