Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Brötchen? Semmeln!

6 Kommentare

Schon beim Betreten der Bäckerei überfällt mich Schüttelfrost. Angstschweiß auf der Stirn. Zittern und Zähneklappern. Die schöne Bäckerin lächelt mir entgegen. „Griaß di“, ruft sie gut gelaunt wie immer. Wartet geduldig, nach welchen Brötchen, äh – Semmeln, es mich heute gelüstet.
Mein Puls beruhigt sich. Ein bisschen. Denn rede ich mich erstmal raus.
„Hal-lo-ho und gu-hu-ten-Mo-hor-gen!“, flöte ich im schönsten Singsang, den ich zustande bringe und blicke strahlend.
Die Bäckerin schaut mich freundlich an. Ich suche Brötchen, ach nein zum Donner: SEM-MELN !!! aus. Vollkorn und Müsli und Kürbiskern und Laugen. Während ich auf die leckeren Semmeln zeige, macht mein Sprechwerkzeug Trockenübungen.
Es ist eigentlich nicht soooooo unbegabt. Bringt so allerhand nahezu fehlerfrei hervor: Good Morning und Good Bye, Buenos dìas und Arrivederci, Bom dia und Adeus, Salü und Au revoir, Hejdå, Ciao, Ade – und Tschüßle, ja das auch .
Aber diese eine Kombination aus Lauten, diese Ballung aus Konsonanten, die nach der Explosion ihres Hervorbringens sofort abschwenken soll in ein weich zusammengebackenes Vokalkonglomerat . Das dann aber gleich ausschwingen soll, indem das Weiche leicht stoppt mit an den Zähnen angetippter Zunge, um dann sofort auf den nur hingehauchten Problemvokal „i“ zu hüpfen – das schafft mein Sprechwerkzeug nur ziemlich lückenhaft. Ich hab’s geübt. Ehrlich. Und es klang: Furchtbar!
Aber ich will… ich würde so so gerne… endlich diesen Gruß erwidern, der mir so schön in den Ohren klingt.
Die Bäckerin packt die Brötchen – Seufz: SEMMELN!!! – in die Tüte, ich zähle Geld auf den Tresen. Lächle, freu mich schon. Darauf, dass es erklingt. So dahingesagt, gedankenlos und gewohnheitsmäßig vorgebracht, wunderbar weich und schön: „Pfiat’di“.
Sie sagt es. Natürlich. Wie immer.
Und ich? Spitze schon die Lippen, denke jeden Laut, jeden Buchstaben, schmecke, schmatze, fühle vor, schon bewegt sich das „pf“ auf meine Lippen zu, legt sich das kurze, „ia“ auf meine Zunge, öffnet sich kurz, um gestoppt zu werden vom weichen Zungenschlag des „t“ und „d“ gegen den Gaumen. Die Bäckerin schaut. Fragend. Freundlich wartend. Ich schließe die Augen. Halte die Luft an, der Angstschweiß ist wieder da.
Jetzt.
Sofort.
Nix denken!
Raus damit!!
”Pf…“
Mein Herz rast, mein Kehlkopf zuckt.
„Pfiat’di“
!!
Es steht vor mir das Wort. Schwingt noch ein bisschen.
Blinzelnd sehe ich, dass die Bäckerin noch da steht wie vorhin. Sie lächelt. Sie stöhnt nicht. Sie krümmt sich nicht vor Schmerz. Nicht mal den kleinsten Seufzer gibt sie von sich.
Ich strahle. Stolz! Packe die Brötchen – ohmeinGottdasgibtsdochgarnicht: SEMMELN – Tüte und tanze raus.
Na bitte!
Geschafft.
Das ist mein Tag. Eindeutig!

Schwingender Gruß

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6 Kommentare zu “Brötchen? Semmeln!

  1. Das ist ja wirklich perfekt fremdländisch. Einen schönen tag wünsche ich dir noch

  2. 🙂 Klasse.

    Liebe Grüße,
    Martina

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