Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Schippfasten

Ich bin traurig. Schon fast verzweifelt.
Denn das war’s wohl erstmal: Keine körperliche Ertüchtigung mehr ganz ohne Muckibude. Kein wie hingezauberter Muskelzuwachs und kein (fast) tägliches Training ganz ohne Schweinehunds Einmischung. Ran an die blaue Schaufel? – Phh – Arbeitslos steht sie da, die blaue Schaufel, ich neben ihr, den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel erhoben. Keine Flocke in Sicht. Stattdessen ein paar versprengte Regentropfen.
Schnee, wo bist du bloß geblieben?

Mal abgesehen davon, dass das weiße Zeugs einfach himmlisch aussieht – ob nun mit Sonnensternchen gespickt …

Schneeglitzern

Weiße Glitzerei

… oder als malerische Zaunverzierung wie Watte hindrapiert.

– Auch dass mein Hund irgendwie mit dem weichen Weiß verschmelzen kann: Geschenkt!

 Und dass es ganz nett ist, auf ihm mit und ohne Bretter herumzurutschen, das lasse ich mal total beiseite.

Das Wichtigste ist: Ohne (Neu)-Schnee kein Schneeschaufeln!
Brötchen zum Frühstück? Nicht ohne Schaufeln!
Briefe bergen aus dem Briefkasten? Die blaue Schaufel in lustigem Hin und Her voran!
Mit dem Auto irgendwohin fahren? Schneeschaufeln UND Ausbuddeln und hingebungsvoll Abkehren (Vorsicht Lackkratzer)!
Ach! Es waren herrliche Zeiten! Endlich keine Ausreden mehr! Training, Training, Training! Sportliches Schippen wochenlang! Gigantoschneesupertoll!

Aber das Training war eigentlich nur Nebensache. Denn: Schneeschippen = Selbsterkenntnis! Jawoll: Sage Dir, wie du schippst und Du erkennst, wer Du bist!
Also, um ehrlich zu sein: Meine beste Hälfte, von der ich hier sonst so viel Lobenswertes zu sagen weiß, der ist eher so der Kreuzundquergenussschipper. So – mal ein bisschen rechts und ein bisschen links und später mal geradeaus und am Ende: „Habe ich jetzt echt eineinhalb Stunden gebraucht?“

Ich aber bin da ganz anders. Völlig anders!!
Ich brauche erstmal einen Plan. Einen Schneeschippplan. Dazu vermesse ich die Fläche, die ich zu schippen habe, teile diese in Schneeschippenreichweiten ein, nehme sie mal Pi, rechne die Wurzel aus dem Ganzen und teile sie schließlich in Schrittlängen.
Alles klar?
Also so: Vom Hauseingang sind es ein- bis eineinhalb Reichweiten (die relative Unschärfe, ob es sich um eine oder eineinhalb Längen handelt, ergibt sich aus Menge, Dichte, Temperatur und Körnigkeit des Schnees – Befragen Sie dazu bitte den Wetterdienst Ihres Vertrauens) – und zwar schnustracksgeradeaus zur weiß bedeckten Wiese hin. Dann – schwupp – lockerer beidhändiger Armschwung nach vorn: Schnee ablagern am Wegrand in ordentlichem Haufen.
Es folgt eine exakte 90 Grad Drehung nach rechts, Schaufel voraus, dem sich ein ein beachtliches Geradeschiebstück anschließt, das mit einer bis zwei Wurfabladungen – diesmal nach links – eine schneefreie Schneise schafft zur Mülltonne.
Kehrtwende – jetzt kommt der ganze Rest.
Ich gebe es zu: Die fünfundvierzig-Grad-Technik mit leicht schwingender Schippe, möglichst wenigen Schritten und jeweils leichter Hüftdrehung wechselweise nach rechts und links, die musste ich erst üben. Inzwischen beherrsche ich sie fast perfekt. Und die Häufen, entstanden durch den beidhändigen Schrägabwurf: Wunderschön anzusehen und hübsch nebeneinander angeordnet!

Schaufel sucht Schnee

Schaufel sucht Schnee

Und jetzt? 
Ich stehe, siehe oben, bei der Schippe, der blauen, und weine mit ihr um die Wette, gemeinsam mit den Regentropfen, die die schönen weißen Häufen löchrig durchbohren. Der Schnee schmilzt – und meine Muckis mit ihm. Kein Fitzelchen zum Schaufeln da.

Naja – eigentlich, wenn ich auf den Kalender schaue: Ich geb’s zu, ein bisschen Enthaltsamkeit muss sein. Schließlich ist Fastenzeit. Auf irgendwas muss ich ja wohl verzichten.