Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Mordsfliegendreck

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„Das sind ja jetzt schon hundert! – Mindestens!“ Meine beste Hälfte guckt über den Tisch. Lässt den Blick schweifen über Wände und Möbel, Fensterscheiben, Lampen und allen Krimskrams. Verzweifelt sieht er aus. Hat das gelbe Plastikdings mit dem langen Stiel in der Hand.
„Ach komm – leg das Ding weg. Das ist alles halb so schlimm. Die leben doch gar nicht lange. Und sie kommen halt jetzt rein, weil es draußen kälter wird.“
Ich höre meinen eigenen Worten hinterher. Schlagartig wird mir klar, dass sie meiner armen Hälfte keinen Trost spenden können.
Das Thermometer zeigt 16 Grad plus.
Nicht gerade ein Kälterekord für Mitte November.
„Ha!“ sagt meine beste Hälfte mit vor Verzweiflung zitternder Stimme, „Das sind ja tolle Aussichten!“
Ich verstehe ihn.
Wenn das noch mehr werden hier, dann sehe ich schwarz.
Fliegen(dreck)schwarz sozusagen.
Und trotzdem: Gewalt ist keine Lösung, denke ich und beäuge misstrauisch das gelbe Klatsch-Ding in der Hand der besten Hälfte, die ich je hatte.
„Bestimmt sind Fliegen für irgendwas gut.“, sage ich leise.
„Willst du sie wirklich einfach so umbringen?“
Meine beste Hälfte steht noch immer mitten im Zimmer. Die Klatsche gezückt. Kampfbereit brummt er irgendwas.
Ich denke nach. Was hilft gegen Gewalt?
Meine beste Hälfte holt weit aus –
„INFORMATION!“, rufe ich laut.
Aber zu spät.
Klatsch!
Kurz und scharf ist das Geräusch.
Ich gucke nicht hin. Vielleicht hat er sie ja nicht erwischt. Arme Fliege!

Fliegen, Fliegen...

Fliegen, Fliegen…

Schnell klappe ich meinen Laptop auf und in Nullkommanix habe ich ein Suchergebnis.
„Hier – siehst du? Brachycera – Fliegen! Jede Menge Infos im Internet!“
Meine Stimme klingt hektisch. Ich sehe, wie er sich schon wieder anschleicht. Das ahnungslose Insekt sitzt an der Fensterscheibe. Die drei anderen auf der weißen Wand wird er wohl auch nicht übersehen.
Ich ziehe am Pulli, der tapfere Fliegenjäger lässt sich seufzend neben mir nieder.
Er schnauft ergeben.
„Zu was sollen DIE gut sein?“, fragt er.
„Bestimmt steht das hier irgendwo“, sage ich hoffnungsfroh.
Ich klicke. Erfahre, dass es angeblich 118 Fliegenfamilien gibt und 105.803 Arten.
Donnerwetter!
Dass die Fliegensorte, die gerade im Zickzack über meine tippenden Finger zuckt, vielleicht wahrscheinlich nicht „Brachycera“ heißt sondern „Musca“ – „Musca domestica“- die echte Stubenfliege.
„Siehst du!“, sage ich triumphierend. „Wir haben hier nur ECHTE Fliegen!“
Meine beste Hälfte stöhnt auf.
„Ja – ganz echt, Echte Plagegeister und ganz echte eklige Brummer, die hier echt nix zu suchen haben!“
Sein Blick verfolgt den Flug eines besonders aufmüpfigen Exemplars, das dicht an seiner Nase vorbei steuert.

Nervös klicke ich auf die nächste Seite.
Meine beste Hälfte zückt schon die Klatsche –
und ich sehe Bilder – Massenhaft Fotos von Fliegen aller Sorten! Auja.
„Schau mal hier!“, jubele ich. „So viele Fliegenarten! Sehen die nicht toll aus?“
Wow! Geklappt!
Die Fliegenklatsche sinkt. Meine beste Hälfte liest: „…ernähren sich von Nektar, aber auch von Körperflüssigkeiten… können Buttersäure von Verwesendem mit den Hinterbeinen schmecken….fressen nekrotische Hautpartikel an Wunden… sind Krankheitsüberträger… jede Menge Bakterien… Ach und schau mal da!“, sein Finger schnellt in Richtung Bildschirm.
„Stechende Exemplare gibt es auch.“, er kaut die Worte, die er liest, genüsslich zwischen den Zähnen: „… gemeine Stechfliege, auch Wadenbeißer genannt. Der Stich ist schmerzhaft und kann ebenfalls Krankheiten übertragen!“
ich scrolle hektisch weiter. Klicke auf die nächste Seite.
Meine beste Hälfte feixt. Lässt den gelben Klatscher ein paar Mal wie zur Probe durch die Luft sausen. Liest schon wieder.
Kümmert sich nicht mal um den Brummer, der gerade seine Glatze ansteuert.
„Diese Fliegen sind enorm – schau, da steht’s: Sie brauchen zwar eine Weile bis sie vom Ei zur Larve und dann zur Jungfliege geworden sind – aber dann: Schon am dritten Lebenstag sind sie geschlechtsreif!“
Er gluckst.
„Die vermehren sich wortwörtlich wie die Fliegen! 15 Generationen pro JAHR schaffen die! Alle Achtung!“
Er schaut mich von der Seite an. Ich sehe plötzlich Fliegeneltern und ihre Kinder, Enkel, Kindeskinder, Kindeskindeskinder und Kindeskindeskindeskinder und Kindeskindeskindeskindeskinder und immer so weiter und Kinder der Kindeskindeskindeskinder-Partner, Neffen, Tanten, Großonkel – Schwärme von schwarzen Fliegen in meiner Küche – und nur mühsam verberge ich den tief in meinen Eingeweiden sich meldenden Ekel.
Ich schlucke.
„Das ist keine Entschuldigung“, sage ich schwach. „Schon gar keine für gemeinen Fliegenmord mit der Patsche!“
Inzwischen hat sich zu dem einen Brummer, der um meine Hände summt, noch einer gesellt. Und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie zwei von ihnen auf der Tischplatte ganz dicht aneinander –
NEIN!! Das darf doch nicht wahr sein!
NICHT IN MEINER KÜCHE!
So diskret wie möglich, wische ich mit der Hand in ihre Richtung. Träge lassen sie voneinander ab und machen gemächlich und – wie mir scheint – sehr zufrieden brummend die Fliege.

Ich scrolle wieder. Noch mehr Fliegenfotos.
Fliegen von hinten, Fliegen von der Seite. Dicke, gepanzerte, mit Haaren versehene, glupschäugige, schmalflügelige, rüsselbewehrte, gemusterte, gestreifte, dünne, schwebende, eigebärende. Alles in Nahaufnahme. Dazu gelbliche Glibberlarven und scampiartige Eintagsfliegen.
Oh Mann, ist mir schlecht!
Meine beste Hälfte patscht mit dem Fliegendings auf seine Handfläche.
Beobachtet ein Prachtexemplar, das schlingernd sich nähert, um zielgenau auf dem Bildschirm zu laden.
Meinem Bildschirm!
Dem Bildschirm von meinem geheiligten Laptop!
„Ssssssch!“

Wild wedelnd bin ich aufgesprungen. Die Fliege flieht. Sofort.
Siehste!
„Es muss nicht immer Mord sein!“, sage ich überlegen grinsend.
„Und so schlimm sehen die gar nicht aus! Eigentlich – wenn man genau hinsieht, dann – “
Ich beuge mich ein wenig vor, um die bestimmt leicht zu findende Schönheit derer von Brachycera entdecken zu können. Um meinem Mann zu BEWEISEN, dass er seine Fliegenklatsche nur in den Mülleimer werfen KANN, wenn er erst einmal – wie ich natürlich schon längst! – diese außergewöhnliche Schönheit und Eleganz gewürdigt und …

Ich sehe ihn sofort. Den schwarzen Fleck.
Eindeutig.
Fliegendreck auf dem Bildschirm.

PAAAAAAAATSCHSCHSCH!!!!
Mein Schlag ist präzise und kraftvoll – und erfolgreich.
Meine beste Hälfte sitzt da mit offenem Mund. Und mit leeren Händen, weil ich ihm die Fliegenklatsche einfach weggerissen habe.
„Na und?“, sage ich und reiche ihm die Plastikwaffe zurück. „Wenn du auch nur so rumsitzt und nix machst…!“

Fliege 5

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5 Kommentare zu “Mordsfliegendreck

  1. Wirklich sehr fliegenlastig 🙂

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