Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Altweibersommerblues

6 Kommentare

Altweiberspinnerei

Schöne Altweiberspinnerei

Ich gestehe es: Ich mag den Altweibersommer. Ich mag die besondere Luft – die auch bei über 25 Grad schon ein wenig bitter schmeckt. Ich mag es, wenn sogar in der Sonnenhitze der kühle Wind spürbar ist, der ankündigt, dass es bald endgültig vorbei ist mit dem Sommer. Ich mag die klare Luft, die weite Sicht, die besondere Stille, die sich über Wiesen und Bäume legt, so als würde die Natur eine Pause einlegen. Langsamer werden. Es sich noch einmal so bequem wie möglich machen im bald ungemütlichen Winterzeit-Bett.

Vielleicht heißt der Altweibersommer ja gerade deswegen so, weil Weiber wie ich, bei denen sich der Alterungsprozess schon schmerzlich bemerkbar macht, ihn besonders mögen?
Die beste Hälfte, die ich je hatte, lacht mich aus.
„Pffffff“, macht er. „Alterungsprozess! Jetzt hör aber auf!“
Er hat ja gut reden. Männer tragen die Grauen mit Stolz, Frauen mit kiloweise teuer bezahlter Haarfarbe drauf.
Ich schmolle ein bisschen. Warte darauf, dass er noch mehr zu sagen hat. Ein entrüstetes: „Du bist doch nicht alt!“ etwa, oder: „Die paar Falten! Du bist doch wirklich noch jugendlich!“ Oder wenigstens: „Ich liebe alle deine Alterserscheinungen.“
Wir hocken auf einem Stein an der Ammer. Sonnenstrahlen im Gesicht. Gerade habe ich dieses Spinnennetz fotografiert. Altweibersommerspinnennetz.
Aber jetzt schweigt meine beste Hälfte.
Wo er mich hätte retten können vor dem Altweibersommerblues, der erschreckenden Erkenntnis, dass ich älter werde – sogar schon älter bin, jeden Tag ein bisschen mehr. Nein, achwas: Jedes Vorrücken des Sekundenzeigers gräbt eine Scharte in meine Haut, nagt an meinem Binde- und Muskelgewebe, macht sich über meine Gehirnzellen her…
Ich seufze.
„An deiner Uhr ist gar kein Sekundenzeiger!“
Männliche Logik.
Er sieht mich an.

„Was würdest du sagen, wenn der Altweibersommer gar nichts mit alten Weibern zu tun hätte?“, grunzt er.
„Dann wäre ich natürlich erlöst“, sage ich. Es platzt regelrecht aus mir heraus.
Zu spät merke ich, dass dieser Satz mich nun endgültig abschneidet von der Möglichkeit, doch noch wenigstens ein paar klitzekleine Komplimente zu bekommen.
„Oder du wärst erlöst – das kommt ganz auf den Standpunkt an.“, schiebe ich nach und denke an meine gerade gewährte unfreiwillige Befreiung von der Komplimentenpflicht.
„Äh – wie meinst du -?“
Warum er diese Bemerkung jetzt nicht versteht, ist mir ein echtes Rätsel. Ich schaue aufs Wasser, das unaufhörlich von links nach rechts an mir vorbei fließt.
Ich merke, dass er den Kopf schüttelt. Nur heimlich und für sich, aber ich merke es trotzdem. Das kommt von den Beste-Hälfte-Antennen, die mir mit den Jahren gewachsen sind.
„Also.“, er rückt an seiner Brille.
„Der Altweibersommer – das ‚Weiber’ in dem Wort hat was mit dem althochdeutschen ‚weiben’ zu tun. Und das heißt ‚weben’. Wegen der Spinnen, weißt du? Junge Spinnen lassen sich nämlich an den von ihnen selbst gewebten Spinnenfäden durch die Luft tragen. Damit es da, wo sie geboren wurden, keine Spinnen-Überbevölkerung gibt – und damit sie fern von ihrem Clan ihren eigenen Clan gründen können. – Kommt dir das irgendwie bekannt vor?“
Ich nicke. Natürlich. Auch meine Jung-Spinnen haben sich schließlich gerade abgeseilt vom Mutter-Nest. Sozusagen.
„Also haben Spinnen-Mütter dieselben Probleme wie ich mit dem Älterwerden?“, frage ich, um meine beste Hälfte zurück zu schubsen auf den Komplimente-Weg.
„Also, das weiß ich jetzt nicht. Stand nicht bei Wikipedia, sorry. Jedenfalls – “, nimmt er seinen Spinnenfaden wieder auf, „ist das Wort ‚alt’ als ‚spät’ zu verstehen. Das Weben im späten Sommer sozusagen. Also nix Älterwerden und Alte-Frauen-Hysterie oderso.“
Er grinst. Breit. Triumphierend.
Phhh.
„Und warum glaubten dann unsere Vorfahren, dass diese Fäden Haare sind, die die Schicksalsgöttinnen, die so genannten Nornen, beim Kämmen verloren haben?“ kontere ich. „Und dass diese Haare nur den alten Frauen, an denen sie haften bleiben, Glück bringen?“
Ich habe auch Internet. Und auch meine Suchmaschine kennt Wikipedia und Co.
Meine beste Hälfte schnauft.
„Achso – und warum werden die Spinnenfäden, die im Spätsommer durch die Luft schweben, auch „Marienfäden‘ genannt?“
Die beste Hälfte zuckt mit den gar nicht altmachenden graumelierten Augenbrauen.
„Weil man sagt, die Fäden stammen von dem Mantel Mariens, den sie bei der Himmelfahrt trug. – Und Maria war bestimmt keine alte Frau, oder?“
Ich stöhne auf.
„Aber trotzdem!“, sage ich schmollend und trotzig.
Mir dämmert, dass die Chance jetzt endgültig vertan ist. Keine Komplimente. Ich bin einsam dem Prozess des Verfalls anheimgegeben. Nicht der klitzekleinste Altweiberblues-Rettungssatz von meiner besten Hälfte.

„Ich weiß übrigens noch was“, sagt der, als er sieht, wie ich ergeben die Augen schließe und die Sonne ihr Werk auf meiner Haut (= schnellere Alterung bei Nichtbenutzen von einschlägig beworbenen Pflegeprodukten) vollbringen lasse.
„Ich hab gelesen, dass der Altweibersommer die stabilste Schönwetterperiode im Jahreslauf ist – kein jugendliches Hin und Her von Sonne und Regen wie im Frühling, keine Brühhitze, keine Schwüle und keine Unwetter wie im Sommer. Dafür viel herzerwärmender, konstanter Sonnenschein von morgens bis abends, und nur so viel Regen wie es eben zum Leben braucht. Und – das finde ich persönlich am Allerbesten: Ganz viel klare Luft, kaum Blitz und Donner, höchstens ein bisschen Gegrummel am Horizont!“
Pause.
„Wenn du schon glaubst, dass der Altweibersommer irgendwas mit dir zu tun hat, solltest du das wissen, finde ich!“, sagt er.
Da ist es, das Kompliment von der besten Hälfte, die ich je hatte. Es bläst den Blues einfach weg. So ein schöner Altweibersommer!

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6 Kommentare zu “Altweibersommerblues

  1. So ist das Leben – einfach ungeschminkt 🙂 .
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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