Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Mücke da – Krone weg!

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DIE Mücke: Immer schon weg!

DIE Mücke: Immer schon weg!

»Also, diese lächerliche Jagd nach Mücken im Schafzimmer habe ich mir abgewöhnt.«
Das habe ich gesagt, wirklich. Es ist nur ein paar Tage her.
Ich saß in meiner Küche, wir hatten ein lockeres Sohn-plus-Freundin-Abend-Gespräch. Mein Sohn, der sich in gleicher Weise für Mathematik wie für amerikanische Serien begeistern kann, hatte sich gerade wortreich beschwert. Darüber, von seiner Liebsten jede Nacht geweckt zu werden. – Und zwar nicht, um die allerletzte »How-I-met-your-mother«-Folge zum zigsten Male anzusehen oder um sonstwas zu machen, was junge Leute nächtens so machen, sondern, so schilderte er wortreich und wütend: Weil seine Freundin »IM-MER« ganz plötzlich das Licht anknipse. Weil sie dann aufstehe und einfach nur RUM-NERVE. Durchs Zimmer renne, sich mit Pantoffeln bewaffne oder mit irgendwas, was sonst so da liege 
-
(Da muss sie bestimmt nicht lange nach was suchen, dachte ich, obwohl das hier jetzt nicht zur Debatte stand)
– und dann: Klatsch, Schepper, Peng!
Mückenjagd.
Er verdrehte die Augen.
»Wegen diesen WINZ-LING-EN! Und helfen, die Tierchen umzubringen, soll ich auch noch! Und am Ende liegt man dann selber wach und horcht und wartet, ob nicht doch noch irgendwo im Zimmer dieses total nervige Mücken-Geräusch zu hören ist.«
Ich heuchelte Mitgefühl. Aber nur ein bisschen.
Sagte: „Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“
Bilder von einem heulenden Kleinjungen, der sich verzweifelt an seinem Teddy festkrallt, schossen durch mein Hirn. Erinnerungen an verzweiflungsweite Augen und an kleine Hände, die elefanten – oder walgroße Kreise beschrieben, an eine „MÜÜÜCKKKEEEEE!“ kreischende Stimme.
Mein Mathe-Genie guckte entgeistert.
„Ich? Ich habe keine Angst vor Mücken. Nie gehabt!«
Nun schmollte er.
„Naja, so eine kleine Mücke ist ja auch nicht so schlimm.«, kam ich ihm ein wenig zu Hilfe.
Die Freundin protestierte.
„Wer kann schon schlafen, wenn so ein Blutsauger einem um die Ohren summt. Allein das Geräusch! Und dann stellst du dir vor, wie es sich irgendwo hinsetzt, seinen Stachel in deine Haut piekt – und du kannst nichts dagegen tun, als rumzufuchteln und zu hoffen, dass das die Mücke beeindruckt!«
»Aber«, antwortete ich und fühlte mich sofort großartig. »Wenn du dich nicht aufregen würdest, dann würdest du einfach wieder einschlafen. Denn WIR ärgern uns schließlich selbst, und nicht die Mücke, oder? Also – wenn du nächstes Mal nicht schlafen kannst, wegen so einer klitzekleinen Stechmücke, dann probier‘s doch einfach mal. Ruhig bleiben. Nicht ärgern. Weiter schlafen. Klappt ganz bestimmt!«
Ich weiß noch, dass ich gelächelt habe. Ich weiß noch, dass ich es toll und schlüssig fand, was ich sagte. Erfahren! Besonnen! Und im Einklang mit mindestens hundert Lebenshilferatgebern!
Kurz: Ich fühlte mich super! Endlich überzeugt davon, dass sich jedes einzelne Lebensjahr und alle meine Erfahrungen mit nächtlichem Mückenterror gelohnt hatten – denn natürlich hatte auch ich zuerst das jugendliche Mückenphobie-Stadium durchlaufen müssen, um den kleinen Plagegeistern jetzt gelassen begegnen zu können.
Ich hatte einen höheren Bewusstseinszustand erreicht! Und zum ersten Mal konnte ich sie spüren. Sie saß auf meinem Kopf und glänzte und strahlte hell: Die Krone der Weisheit!
Noch als wir schlafen gingen, hatte ich dieses schwebende Gefühl und sicherlich bin ich mit diesem bestimmten, königinnenhaften Lächeln eingeschlafen.
Natürlich hatten wir vorher alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen (denn die beste Hälfte, die ich je hatte, hatte sie natürlich auch längst auswendig gelernt und verinnerlicht): NIEMALS Licht im Schlafzimmer, IMMER gleich die Tür zumachen und UNBEDINGT IMMER im Dunkeln ins Bett kriechen, dann fünf Minuten warten und ERST ANSCHLIEßEND das Fenster öffnen.

Doch trotz aller Regeln: Mitten in der Nacht weckte sie mich: DIE Mücke!
Ich würde jetzt beweisen können, wie einfach es war, sie einfach zu ignorieren. Ich würde meiner Rolle als frisch gebackene Inhaberin der Krone gerecht werden. Ich würde die Mücke Mücke sein lassen, Gelassen- und Abgeklärt- und bestimmt auch Weisheit beweisen. Ich atmete tief ein und aus, probierte alle Entspannungsübungen, die ich kenne, um die aufsteigende Mückenterrorpanik unter der Decke zu halten und alle unbedeckten Körperteile gleich mit.
Doch es war eben nicht nur irgendeine Mücke. Es war DIE Mücke, die eine, die alle Tricks kennt, die flügelschlagend und sirrend überall zugleich ist: Neben dem Ohr, über dem Haar, nah an der Nase, schon zustechend am plötzlich nicht mehr deckengeschützten vorwitzigen Ellenbogen, mit hektisch hohem Mückenaufschrei am Mund. Am ganzen Körper begann es zu jucken, schweißgebadet unter meiner Mückenschutzdecke verlor ich zunehmend die Kontrolle, die Krone verrutschte und ich bekam es kaum mit – und als ich schließlich aus dem Bett, sprang, hatte ich sie schon vergessen. Wütend warf ich die Decke zurück, stürzte zum Fenster, um es zu schließen und knipste die Nachttischlampe an.
Meine bessere Hälfte (ja, genau: die beste, die ich je hatte!), schreckte aus dem Schlaf hoch und blickte irritiert und nach Erklärungen suchend in meine Richtung.
Was soll ich sagen? Die Mücke war schlau. Sie witterte Pantoffelschläge, bevor sie niedersausten, sie versteckte sich geschickt hinter Schränken und Nachttischchen, machte sich unsichtbar auf nachtdunklen Fensterscheiben und spiegelnden Spiegelflächen.

Doch schließlich, der Morgen lugte schon durchs Fenster, gerade als wir beide – denn meine beste Hälfte hatte mich durch diese Stunden der Pein begleitet – nebeneinander liegend abwarteten, dass sich das feige Terrortier wieder einmal blicken ließ, bereit und bewaffnet für eine neue Attacke – und gerade, als mir der Gedanke kam, dass vielleicht mein mathebegeisterter Sohn DIE Mücke irgendwie lebend gefangen und in unser Schlafzimmer –
ZAAAAAACK! – war ich (wenige Sekunden nach der besten Hälfte, die ich je hatte, muss es gewesen sein!)
doch wieder eingeschlafen.

»Na, habt ihr sie erwischt?«
Ich tue unwissend, stelle die Marmelade auf den Frühstückstisch, gucke fragend.
Mein Mathe-Sohn grinst breit.
»War ja nicht zu überhören, eure Jagd heute Nacht!«
Er ignoriert grausam mein schmerzhaftes Aufjaulen und beschmiert in aller Ruhe eine Brötchenhälfte mit dem Schoko-Aufstrich, den er schon als Kleinjunge liebte.
Ich beschließe, überhaupt nichts zu bereuen.
Nur schade um die Krone. Sie hätte bestimmt irgendwie gut zu mir gepasst.

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2 Kommentare zu “Mücke da – Krone weg!

  1. Ja, so sind sie-gierig! (-:
    Gönne den Mücken deinen Ellenbogen ruhig. (-;
    Und sage ihnen: Die Bar ist geöffnet!!
    Denn, es macht ihnen mehr Spaß wenn sie gejagt werden; das kennen sie schon und sie haben Zeit…(-:

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