Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Altweibersommerblues

Altweiberspinnerei

Schöne Altweiberspinnerei

Ich gestehe es: Ich mag den Altweibersommer. Ich mag die besondere Luft – die auch bei über 25 Grad schon ein wenig bitter schmeckt. Ich mag es, wenn sogar in der Sonnenhitze der kühle Wind spürbar ist, der ankündigt, dass es bald endgültig vorbei ist mit dem Sommer. Ich mag die klare Luft, die weite Sicht, die besondere Stille, die sich über Wiesen und Bäume legt, so als würde die Natur eine Pause einlegen. Langsamer werden. Es sich noch einmal so bequem wie möglich machen im bald ungemütlichen Winterzeit-Bett.

Vielleicht heißt der Altweibersommer ja gerade deswegen so, weil Weiber wie ich, bei denen sich der Alterungsprozess schon schmerzlich bemerkbar macht, ihn besonders mögen?
Die beste Hälfte, die ich je hatte, lacht mich aus.
„Pffffff“, macht er. „Alterungsprozess! Jetzt hör aber auf!“
Er hat ja gut reden. Männer tragen die Grauen mit Stolz, Frauen mit kiloweise teuer bezahlter Haarfarbe drauf.
Ich schmolle ein bisschen. Warte darauf, dass er noch mehr zu sagen hat. Ein entrüstetes: „Du bist doch nicht alt!“ etwa, oder: „Die paar Falten! Du bist doch wirklich noch jugendlich!“ Oder wenigstens: „Ich liebe alle deine Alterserscheinungen.“
Wir hocken auf einem Stein an der Ammer. Sonnenstrahlen im Gesicht. Gerade habe ich dieses Spinnennetz fotografiert. Altweibersommerspinnennetz.
Aber jetzt schweigt meine beste Hälfte.
Wo er mich hätte retten können vor dem Altweibersommerblues, der erschreckenden Erkenntnis, dass ich älter werde – sogar schon älter bin, jeden Tag ein bisschen mehr. Nein, achwas: Jedes Vorrücken des Sekundenzeigers gräbt eine Scharte in meine Haut, nagt an meinem Binde- und Muskelgewebe, macht sich über meine Gehirnzellen her…
Ich seufze.
„An deiner Uhr ist gar kein Sekundenzeiger!“
Männliche Logik.
Er sieht mich an.

„Was würdest du sagen, wenn der Altweibersommer gar nichts mit alten Weibern zu tun hätte?“, grunzt er.
„Dann wäre ich natürlich erlöst“, sage ich. Es platzt regelrecht aus mir heraus.
Zu spät merke ich, dass dieser Satz mich nun endgültig abschneidet von der Möglichkeit, doch noch wenigstens ein paar klitzekleine Komplimente zu bekommen.
„Oder du wärst erlöst – das kommt ganz auf den Standpunkt an.“, schiebe ich nach und denke an meine gerade gewährte unfreiwillige Befreiung von der Komplimentenpflicht.
„Äh – wie meinst du -?“
Warum er diese Bemerkung jetzt nicht versteht, ist mir ein echtes Rätsel. Ich schaue aufs Wasser, das unaufhörlich von links nach rechts an mir vorbei fließt.
Ich merke, dass er den Kopf schüttelt. Nur heimlich und für sich, aber ich merke es trotzdem. Das kommt von den Beste-Hälfte-Antennen, die mir mit den Jahren gewachsen sind.
„Also.“, er rückt an seiner Brille.
„Der Altweibersommer – das ‚Weiber’ in dem Wort hat was mit dem althochdeutschen ‚weiben’ zu tun. Und das heißt ‚weben’. Wegen der Spinnen, weißt du? Junge Spinnen lassen sich nämlich an den von ihnen selbst gewebten Spinnenfäden durch die Luft tragen. Damit es da, wo sie geboren wurden, keine Spinnen-Überbevölkerung gibt – und damit sie fern von ihrem Clan ihren eigenen Clan gründen können. – Kommt dir das irgendwie bekannt vor?“
Ich nicke. Natürlich. Auch meine Jung-Spinnen haben sich schließlich gerade abgeseilt vom Mutter-Nest. Sozusagen.
„Also haben Spinnen-Mütter dieselben Probleme wie ich mit dem Älterwerden?“, frage ich, um meine beste Hälfte zurück zu schubsen auf den Komplimente-Weg.
„Also, das weiß ich jetzt nicht. Stand nicht bei Wikipedia, sorry. Jedenfalls – “, nimmt er seinen Spinnenfaden wieder auf, „ist das Wort ‚alt’ als ‚spät’ zu verstehen. Das Weben im späten Sommer sozusagen. Also nix Älterwerden und Alte-Frauen-Hysterie oderso.“
Er grinst. Breit. Triumphierend.
Phhh.
„Und warum glaubten dann unsere Vorfahren, dass diese Fäden Haare sind, die die Schicksalsgöttinnen, die so genannten Nornen, beim Kämmen verloren haben?“ kontere ich. „Und dass diese Haare nur den alten Frauen, an denen sie haften bleiben, Glück bringen?“
Ich habe auch Internet. Und auch meine Suchmaschine kennt Wikipedia und Co.
Meine beste Hälfte schnauft.
„Achso – und warum werden die Spinnenfäden, die im Spätsommer durch die Luft schweben, auch „Marienfäden‘ genannt?“
Die beste Hälfte zuckt mit den gar nicht altmachenden graumelierten Augenbrauen.
„Weil man sagt, die Fäden stammen von dem Mantel Mariens, den sie bei der Himmelfahrt trug. – Und Maria war bestimmt keine alte Frau, oder?“
Ich stöhne auf.
„Aber trotzdem!“, sage ich schmollend und trotzig.
Mir dämmert, dass die Chance jetzt endgültig vertan ist. Keine Komplimente. Ich bin einsam dem Prozess des Verfalls anheimgegeben. Nicht der klitzekleinste Altweiberblues-Rettungssatz von meiner besten Hälfte.

„Ich weiß übrigens noch was“, sagt der, als er sieht, wie ich ergeben die Augen schließe und die Sonne ihr Werk auf meiner Haut (= schnellere Alterung bei Nichtbenutzen von einschlägig beworbenen Pflegeprodukten) vollbringen lasse.
„Ich hab gelesen, dass der Altweibersommer die stabilste Schönwetterperiode im Jahreslauf ist – kein jugendliches Hin und Her von Sonne und Regen wie im Frühling, keine Brühhitze, keine Schwüle und keine Unwetter wie im Sommer. Dafür viel herzerwärmender, konstanter Sonnenschein von morgens bis abends, und nur so viel Regen wie es eben zum Leben braucht. Und – das finde ich persönlich am Allerbesten: Ganz viel klare Luft, kaum Blitz und Donner, höchstens ein bisschen Gegrummel am Horizont!“
Pause.
„Wenn du schon glaubst, dass der Altweibersommer irgendwas mit dir zu tun hat, solltest du das wissen, finde ich!“, sagt er.
Da ist es, das Kompliment von der besten Hälfte, die ich je hatte. Es bläst den Blues einfach weg. So ein schöner Altweibersommer!


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Mücke da – Krone weg!

DIE Mücke: Immer schon weg!

DIE Mücke: Immer schon weg!

»Also, diese lächerliche Jagd nach Mücken im Schafzimmer habe ich mir abgewöhnt.«
Das habe ich gesagt, wirklich. Es ist nur ein paar Tage her.
Ich saß in meiner Küche, wir hatten ein lockeres Sohn-plus-Freundin-Abend-Gespräch. Mein Sohn, der sich in gleicher Weise für Mathematik wie für amerikanische Serien begeistern kann, hatte sich gerade wortreich beschwert. Darüber, von seiner Liebsten jede Nacht geweckt zu werden. – Und zwar nicht, um die allerletzte »How-I-met-your-mother«-Folge zum zigsten Male anzusehen oder um sonstwas zu machen, was junge Leute nächtens so machen, sondern, so schilderte er wortreich und wütend: Weil seine Freundin »IM-MER« ganz plötzlich das Licht anknipse. Weil sie dann aufstehe und einfach nur RUM-NERVE. Durchs Zimmer renne, sich mit Pantoffeln bewaffne oder mit irgendwas, was sonst so da liege 
-
(Da muss sie bestimmt nicht lange nach was suchen, dachte ich, obwohl das hier jetzt nicht zur Debatte stand)
– und dann: Klatsch, Schepper, Peng!
Mückenjagd.
Er verdrehte die Augen.
»Wegen diesen WINZ-LING-EN! Und helfen, die Tierchen umzubringen, soll ich auch noch! Und am Ende liegt man dann selber wach und horcht und wartet, ob nicht doch noch irgendwo im Zimmer dieses total nervige Mücken-Geräusch zu hören ist.«
Ich heuchelte Mitgefühl. Aber nur ein bisschen.
Sagte: „Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“
Bilder von einem heulenden Kleinjungen, der sich verzweifelt an seinem Teddy festkrallt, schossen durch mein Hirn. Erinnerungen an verzweiflungsweite Augen und an kleine Hände, die elefanten – oder walgroße Kreise beschrieben, an eine „MÜÜÜCKKKEEEEE!“ kreischende Stimme.
Mein Mathe-Genie guckte entgeistert.
„Ich? Ich habe keine Angst vor Mücken. Nie gehabt!«
Nun schmollte er.
„Naja, so eine kleine Mücke ist ja auch nicht so schlimm.«, kam ich ihm ein wenig zu Hilfe.
Die Freundin protestierte.
„Wer kann schon schlafen, wenn so ein Blutsauger einem um die Ohren summt. Allein das Geräusch! Und dann stellst du dir vor, wie es sich irgendwo hinsetzt, seinen Stachel in deine Haut piekt – und du kannst nichts dagegen tun, als rumzufuchteln und zu hoffen, dass das die Mücke beeindruckt!«
»Aber«, antwortete ich und fühlte mich sofort großartig. »Wenn du dich nicht aufregen würdest, dann würdest du einfach wieder einschlafen. Denn WIR ärgern uns schließlich selbst, und nicht die Mücke, oder? Also – wenn du nächstes Mal nicht schlafen kannst, wegen so einer klitzekleinen Stechmücke, dann probier‘s doch einfach mal. Ruhig bleiben. Nicht ärgern. Weiter schlafen. Klappt ganz bestimmt!«
Ich weiß noch, dass ich gelächelt habe. Ich weiß noch, dass ich es toll und schlüssig fand, was ich sagte. Erfahren! Besonnen! Und im Einklang mit mindestens hundert Lebenshilferatgebern!
Kurz: Ich fühlte mich super! Endlich überzeugt davon, dass sich jedes einzelne Lebensjahr und alle meine Erfahrungen mit nächtlichem Mückenterror gelohnt hatten – denn natürlich hatte auch ich zuerst das jugendliche Mückenphobie-Stadium durchlaufen müssen, um den kleinen Plagegeistern jetzt gelassen begegnen zu können.
Ich hatte einen höheren Bewusstseinszustand erreicht! Und zum ersten Mal konnte ich sie spüren. Sie saß auf meinem Kopf und glänzte und strahlte hell: Die Krone der Weisheit!
Noch als wir schlafen gingen, hatte ich dieses schwebende Gefühl und sicherlich bin ich mit diesem bestimmten, königinnenhaften Lächeln eingeschlafen.
Natürlich hatten wir vorher alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen (denn die beste Hälfte, die ich je hatte, hatte sie natürlich auch längst auswendig gelernt und verinnerlicht): NIEMALS Licht im Schlafzimmer, IMMER gleich die Tür zumachen und UNBEDINGT IMMER im Dunkeln ins Bett kriechen, dann fünf Minuten warten und ERST ANSCHLIEßEND das Fenster öffnen.

Doch trotz aller Regeln: Mitten in der Nacht weckte sie mich: DIE Mücke!
Ich würde jetzt beweisen können, wie einfach es war, sie einfach zu ignorieren. Ich würde meiner Rolle als frisch gebackene Inhaberin der Krone gerecht werden. Ich würde die Mücke Mücke sein lassen, Gelassen- und Abgeklärt- und bestimmt auch Weisheit beweisen. Ich atmete tief ein und aus, probierte alle Entspannungsübungen, die ich kenne, um die aufsteigende Mückenterrorpanik unter der Decke zu halten und alle unbedeckten Körperteile gleich mit.
Doch es war eben nicht nur irgendeine Mücke. Es war DIE Mücke, die eine, die alle Tricks kennt, die flügelschlagend und sirrend überall zugleich ist: Neben dem Ohr, über dem Haar, nah an der Nase, schon zustechend am plötzlich nicht mehr deckengeschützten vorwitzigen Ellenbogen, mit hektisch hohem Mückenaufschrei am Mund. Am ganzen Körper begann es zu jucken, schweißgebadet unter meiner Mückenschutzdecke verlor ich zunehmend die Kontrolle, die Krone verrutschte und ich bekam es kaum mit – und als ich schließlich aus dem Bett, sprang, hatte ich sie schon vergessen. Wütend warf ich die Decke zurück, stürzte zum Fenster, um es zu schließen und knipste die Nachttischlampe an.
Meine bessere Hälfte (ja, genau: die beste, die ich je hatte!), schreckte aus dem Schlaf hoch und blickte irritiert und nach Erklärungen suchend in meine Richtung.
Was soll ich sagen? Die Mücke war schlau. Sie witterte Pantoffelschläge, bevor sie niedersausten, sie versteckte sich geschickt hinter Schränken und Nachttischchen, machte sich unsichtbar auf nachtdunklen Fensterscheiben und spiegelnden Spiegelflächen.

Doch schließlich, der Morgen lugte schon durchs Fenster, gerade als wir beide – denn meine beste Hälfte hatte mich durch diese Stunden der Pein begleitet – nebeneinander liegend abwarteten, dass sich das feige Terrortier wieder einmal blicken ließ, bereit und bewaffnet für eine neue Attacke – und gerade, als mir der Gedanke kam, dass vielleicht mein mathebegeisterter Sohn DIE Mücke irgendwie lebend gefangen und in unser Schlafzimmer –
ZAAAAAACK! – war ich (wenige Sekunden nach der besten Hälfte, die ich je hatte, muss es gewesen sein!)
doch wieder eingeschlafen.

»Na, habt ihr sie erwischt?«
Ich tue unwissend, stelle die Marmelade auf den Frühstückstisch, gucke fragend.
Mein Mathe-Sohn grinst breit.
»War ja nicht zu überhören, eure Jagd heute Nacht!«
Er ignoriert grausam mein schmerzhaftes Aufjaulen und beschmiert in aller Ruhe eine Brötchenhälfte mit dem Schoko-Aufstrich, den er schon als Kleinjunge liebte.
Ich beschließe, überhaupt nichts zu bereuen.
Nur schade um die Krone. Sie hätte bestimmt irgendwie gut zu mir gepasst.


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Sonnenschirmaussicht am Sonntagmittag

Aquarell am Sonntag

Aquarell am Sonntag

Nach längerer Abstinenz steht er wieder – der rote Sonnenschirm. Die Pause hat er sich verdient – aber sie war auch erzwungen – wegen anhaltender Regenschauer-Zeit und weil ich – wenn sie sich mal blicken ließ  – ziemlich süchtig nach Sonne war und keinen Schirmschutz brauchte. So blieb er  (Schande!) schnöde zusammengeklappt, der Arme.
Heute jedoch schaut er wieder gen Himmel – und was er da sieht, das wollte ich mal eben festhalten. Was da genau los ist zwischen ihm und der schönen Grauweißen? Er schweigt sich beharrlich aus, aber er  hat seine sechs Arme ausgebreitet und scheint mit der Wattewolke irgendeinen Disput zu haben – oder ein Gespräch, vielleicht auch eine Fernumarmung. Free hugs auf Wolke Sieben!? Vielleicht hat sich die Wolke ja auch nur einen kleinen Moment an meinem Sonnenschirm festgehakt, um sich ein wenig auszuruhen – damit sie gleich ihren vergänglichen Weg über den blauen Himmel fortsetzen kann? Ob sie ihm was zugeflüstert hat? Irgendein Wolkengeheimnis etwa?

*Seufz* Ich habe keine Ahnung! Nur eins weiß ich: Für mich ist es das Bild des Tages – und ich könnt noch ewig hinsehen! Doch ewig is’ nich – noch während ich hier tippe, ist sie schon wieder weg, die Wolke!