Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Konjunktiv-Stolpersteine

4 Kommentare

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit der Mit-Bloggerin Clara Himmelhoch übers Steinsammeln hier ausgetauscht. Ich dachte, wenn ich mal darüber spräche, dass ich an allen steinigen Orten der Welt  den Zwang verspüre, mich zu bücken, um Steine jeder Form und Größe aufzuheben, wenn ich also sozusagen diese Sucht nach Steinen öffentlich machte, dann – ja dann, würde vielleicht ein Wunder geschehen.
Die Steine-Sammel-Leiden-Schaft würde erlöschen.
Eigentlich hatte ich sie ja schon ganz schön im Griff. Seit die beste Hälfte, die ich je hatte, ausrief, er werde nicht mehr für mich den Packesel machen, (Nie mehr!), seitdem ließ ich die dicksten Brocken links liegen. Aber auch kleine Steine sind, in der Masse betrachtet, im Weg, stapeln sich in Ecken, auf Simsen und auf Schreibtischplatten.
Also, so ein Suchtlöscher wäre was gewesen.
Leider: Es hat nicht gewirkt. Das Aussprechen des Steinesuch-Verlangens hat diese irgendwie noch befeuert. Gestern an der Ammer konnte ich nicht mehr an mich halten: Gestreift, zart liniert, gefleckt, verformt, kugelrund, oval, reichlich schräg, gerillt, genoppt, zerfurcht und irgendwie verknotet, rissig, glatt und weiß und grau, beinahe schwarz, dick, zackig, riesengroß und winzig, rau, ringelig, kurvig, silberglitzernd – alle Steine waren da.
Immerhin: Nur ein paar steckte ich in meine Jackentasche, die anderen fotografierte ich.

So weit, so gut. Und dann stolperte ich über IHN.
Der faustgroße Brocken lag mir vor den Füßen. Es war der ultimative Stein an diesem Nachmittag – ein Traum in glitzerweiß und grau, verschwurbelt und verschrundet, mit Kuhle in der Mitte und eine Art Abfluss quer drüber.
Er muss!, dachte ich. Er MUSS einfach mit!
Ich nahm ihn hoch, trug ihn ans seichte Ufer, um seine Unterseite abzuwaschen. Damit er ohne Schlamm gewesen wäre – in seiner ganzen Schönheit!
Er war schon ein bisschen schwer – aber gerade so, dass ich ihn locker hätte mitnehmen können.
Hätte!
Als Behälter hätte er dienen können.
Ein kleiner Ring hätte in die Vertiefung gepasst oder ein leeres Schneckenhaus, eine getrocknete Blüte oder ein anderer winziger Stein, eine Perle oder eine Glaskugel…

Hätte.
Wäre.
Könnte.

Hätte sich nicht jemand eingemischt, wäre das alles Wirklichkeit geworden.
Dieser Jemand war mein Hund. Er hat unbestritten wirklich keine Ahnung von Grammatik – aber er erschuf  das Hätte Gewesen Sein Können. Er schob seinen Kopf zwischen mich und den Stein, klatschnasses Fell streifte mein Gesicht, ich schimpfte los – und schon war der Stein für ihn leichte Beute.
Mein Hund fackelte nicht lange. Mit heiligem Eifer kickte er den Stein mit den Vorderpfoten weg. Immer unter seinem eigenen Bauch hindurch. Schwupp. Nochmal.  Schwupp. Und schon wieder. Schwupp-schwupp-schwupp. Zielsicher. Effektiv. Und ohne Konjunktiv.
Sehr schnell arbeitete er sich vor und war im Pfotenumdrehen da, wo auch die wasserfestesten Wanderschuhe kapituliert hätten. Und Winken und Rufen? Hätte ich mir sparen können: Mein Hund war mitten in der wichtigsten Arbeit und unablenkbar. DER Stein musste weg!
Und? Er schaffte es locker. Leicht. Elegant und sicher.
Nach den letzten Vorderpfoten-Schüssen landete der Stein mit dumpfem „Klock“ in der Strömung.
Geschafft!
Mein Hund, stolz wie Oskar, schwänzelte herbei, voll überzeugt: Das war 1A!  Zu hundert Prozent leckerliwürdig war das!

Ich lächelte überlegen. Denn ich kenne den Konjunktiv: Es hätte wirklich leckerliwürdig sein gekonnt!

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4 Kommentare zu “Konjunktiv-Stolpersteine

  1. Toll, du zeigst mir die Steine, die ich nur als Folie auf dem Fußboden kleben habe, hier in echt und Wirklichkeit.
    In welcher Mannschaft kickt denn dein Hund? Und auf welcher Position? Stürmer? Verteidiger? – Ich finde, er hätte sich aber wirklich ein Leckerli verdient – du bist aber hartherzig, Steine findest du immer wieder, aber so einen fleißigen Hund hat nicht jede!!!! 🙂

    • Naja – das mit der Position.. Ich habe den Eindruck, er ist eher so ein Einzelkämpfer, nach dem Motto: Was ich sicher habe, das hab ich erstmal… 🙂
      Und ja – vielleicht hast du recht mit den Leckerlis. ich sollte ihn wirklich mehr loben. Ist schließlich auch nur ein Mann!

  2. Jutta, das ist einfach herrlich zu lesen! Ich kann mir das so gut vorstellen, wie der liebe Hund kickt und sich freut, während Du…..! Ich komm Euch mal besuchen und dann sammeln wir Beide Steine, aber nur die kleinen!!!

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