Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


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Erfindungen? Nie wieder!

Alles klingt ganz einfach. Das Rezept liest sich super, und die wichtigste Zutat wächst hierzulande außerdem buchstäblich vor der Haustür: Hollerkücherl.
Hm. Lecker.
Bei Sonnenschein soll man die Blüten ernten und möglichst am Vormittag. Wegen des Geschmacks. Okay – die Sonne scheint schonmal. Eindeutig. Aber Vormittag? Hm. Ich luge nach der Uhr: Kurz vor zwölf. Gilt das noch als Vormittag? Ich zweifle. Zumal ja Sommerzeit, also eine Stunde, also umgerechnet in „normale“ Zeit schon eins – ach was!
Ich will einfach! Ich will, will, will (!) heute meine allersten Hollerkücherl überhaupt machen! Soll ich mich jetzt abhalten lassen von so einer Lappalie wie Sommerzeit? Kommt ja nicht infrage! Und überhaupt: Heute ist Feiertag! Und am Feiertag gehen die Uhren sowieso anders – und wenn man ausnahmsweise mal ein bisschen länger schläft, dann rutscht der Vormittag automatisch und sowieso nach hinten? Verlängert sich. Sozusagen. Also ist es eigentlich ja erst neun. Oder höchstens zehn – Sommerzeit oder nicht. Vollkommen logisch, finde ich.
Naja. Die beste Hälfte, die ich je hatte, grunzt. Und schaut erstaunt. Mehr sagt der Mann jetzt nicht. Nur dieses Grunzen und das Schauen. Ich soll wohl selber wissen, was das nun wieder zu bedeuten hat.
Männer!, denke ich. Einfach kein Sinn für Pragmatismus. Keine Spur von Flexibilität. Phhhh. Ohne mich würde er es bestimmt nie schaffen, Hollerkücherl zu machen. Davon bin ich jetzt mal überzeugt.

Also los jetzt. Eine Schere. Eine Tasche. Und HundundLeineundMannundSchlüsselund – „Moment mal, ich muss noch mal schnell erst“, sagt die beste Hälfte – Jetzt ist es passiert: Es ist schon 12 Uhr vorbei. Highnoon überschritten. „Der Hund ist schuld!“ Der steht neben dem Herrchen, durch die Leine locker mit ihm verbunden. Er wedelt und guckt. Zwei Augenpaare. Zwei Männer. Solidarität hat gerade einen Ausdruck bekommen!
Aber jetzt. Gottseidank ist es nicht weit bis zum Wiesenrand. Dort stehen sie in Reih und Glied: Holunderbüsche. Einer schöner als der andere, mindestens zwanzig Stück, Blatt an Blatt, Blüte an Blüte, weißes Blütensternchenmeer im Sonnenlicht. WOW! Ich verstehe sofort, warum Hollerkücherl besser schmecken, wenn man die Blüten im Sonnenschein erntet. Das Auge isst mit, sagt man schließlich nicht ohne Grund. Und wer sagt, dass der schöne Anblick und das Essen gleichzeitig stattfinden müssen?
Die Blüten sind schnell geerntet. Ich schneide hier eine ab und dann eine vom Strauch nebenan. Damit keiner mehr weiße Sternchen hergeben muss als der andere. Auf diese Weise mopse ich mir ganze 12 Blüten. Für vier Leute (der Hund kriegt nix) gerade genug, finde ich.

Das Rezept klappt super. Ich habe es von der facebook-Seite des Kräuter-Erlebnis-Zentrums Bad Tölz. Vielen Dank dafür. Die Kücherl werden toll, so golden mit Teig überzogen und mit Puderschnee überzuckert! Ich bin soo stolz! Regelrecht im Hollerkücherlhochgefühl.

Aber dann…
Hochgefühl macht leichtsinnig. Am Ende habe ich noch Teig übrig. Teig – aber keine Hollerblüten mehr. Ich denke ans silvesterliche Orakel-Bleigießen und schon ist die Idee geboren, ein Löffel aus der Schublade geholt und – schwupp ! – schwungvoll ein Batzen Teig ins heiße Fett geworfen. Ich gucke zu, wie der Batzen sich dort bewegt, wie er blubbert und lange Fäden entwickelt. Leider entsteht blitzschnell ein Ungleichgewicht zwischen der eher massigen Mitte und den feinen Fitzelchen am Rand, ein rasender Wechsel von Gold zu Braun und Schwarz ist die Folge. Rauch steigt auf, dicker, schwarzer. Der Hund zieht die Nase hoch und verzieht sich unter den Tisch. Ich fische den kohleähnlichen Klumpen aus dem heißen Fett.
Doch ich gebe nicht auf. Noch ein Versuch! Das muss gehen, denke ich und erinnere mich an die vielen Erfinder, die die Welt voran gebracht und dabei NIE aufgegeben haben. – Also der nächste Fladen. Ich lasse den Teig langsam ins Fett gleiten, es blubbert und schmatzt und brutzelt. Und es raucht. Schon wieder. Bevor ich es nicht mehr richtig sehen kann, hole ich mein Werk aus dem Topf. Es ist schon viel weniger schwarz, das Pfannkuchending. Der Hund beginnt zu hecheln und sich die Nase zu lecken. Beim dritten Pfannkuchenfladenversuch legt er sich jaulend vor die Küchentür. Schaut sehnsüchtig nach draußen, wo es nun blitzt und donnert und gießt wie verrückt.

Jetzt essen wir die Hollerkücherl im Garten. Ich habe noch zwei weitere Versuche gemacht, die Pfannkuchendinger haben ihr kurzes Leben im Mülleimer beendet. Der Regen hat nachgelassen, aus dem Gewitterguss ist ein regelmäßiger Landregen geworden. Der Hund rast wie wild herum, freut sich über die Rettung vor meinen Erfinderambitionen. Unter dem Dachvorsprung stehen die Kücherl, vor dem Regen geschützt. Die schmecken prima. Golden. Knusprig. Süß. Genau so, wie sie sein sollen und wie ich sie mir vorgestellt habe.

Und ich bin sicher: In ein paar Stunden können wir auch wieder ins Haus. Dann haben sich die Rauchschwaden bestimmt verzogen. Pfannkuchenfladenkücherl? Wenn es sie noch nicht gibt, dann werden sie bestimmt niemals erfunden! Und ganz, ganz sicher nicht von mir!

 


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Armer Sonnenschirm?

Vielleicht sollte ich mir Sorgen machen. Er sieht noch ein bisschen verloren aus. Faltiger als sonst. Und vielleicht ein wenig benommen von der Reise.
Umgezogen ist er, der rote Sonnenschirm. Ich weiß nicht wirklich, wie sich ein Sonnenschirm fühlt, wenn er eingezwängt zwischen Schrank und Bett und Regalen und Büchern und Schreibtisch und Krimskrams im LKW durch die Lande gekarrt wird. Ob er sehr gelitten hat? Ich streiche sanft über den roten Stoff. Armer Sonnenschirm.

Aber eigentlich – er sollte sich nicht beschweren. Über ihm leuchtet ein hellblauer Himmel, durchwölkt mit Weiß. Nicht die schlechteste Aussicht für meinen Schirm, finde ich. Der Wind fährt leise über ihn hinweg, nebenan blöken Schafe und gerade ruft freundlich eine Kuh herüber. Und noch eine. Ihre Stimme klingt viel tiefer als die der ersten: Satter, voller. Wusstest du, Sonnenschirm, dass Kühe unterschiedlich klingen? Ich auch nicht. Siehste!

Und genau genommen war die Reise auch gar nicht so weit. Immerhin fließt derselbe Fluss durch‘s Land. Wenn ich dich auf dem Fluss schwimmen lassen würde, dann wärst du in ein paar Tagen wieder da, wo du bisher gestanden hast. Auch wenn der Fluss hier anders heißt als dort, seltsamerweise.

Hier, wo er nicht weit entfernt entspringt, heißt er Ammer. Und dort – nachdem er den Ammersee durchquert – ihn mit Wasser gefüllt und unter all den Booten und Schiffen und Schwimmern hindurch geflossen ist, sozusagen -, dort heißt er Amper.
Seit dem 14 Jahrhundert ist das so, lese ich. Vorher hatte er nur einen Namen: Amper und sonst nix.

Jetzt also Ammerland statt Brucker Land. Auf‘s Ammerland blicken wir ab jetzt, lieber Sonnenschirm. Du und ich. – Und nebenbei gucken wir natürlich noch immer ein bisschen auch auf den Rest der Welt.

Du wirst sehen: Es gibt viel zu sehen im Ammerland. Ziemlich sehr viel! Und ich freu mich drauf!

Ja – jetzt sind meine Sorgen um den roten Sonnenschirm schon ein wenig kleiner. Gerade schaukelt er ein paar Millimeter hin und her – angestoßen von der milden Brise. Er ruckelt sich zurecht. Macht sich‘s bequem. Richtet sich ein. Und von nebenan ruft wieder eine freundliche Kuh. Irgendwann werden wir sie an der Stimme erkennen und beim Namen nennen können. Ich könnte mich ja bald mal mit dem Bauern darüber unterhalten – und dann vielleicht darüber schreiben….

Von der Amper..

Von der Amper..

..an die Ammer

..an die Ammer