Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Rhabarberstreuselliebe

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Münzenkramen für Rhabarberstreuselgenuss

Münzenkramen für Rhabarberstreuselgenuss

Nur noch schnell! Auja! Ich betrete die Bäckerei. Eigentlich sollte ich ja – schon ganz woanders sein. Der Schreibtisch. Und die Wäsche. Und der alte Küchenschrank, den ich aussortieren wollte! Und wieder der Schreibtisch! Stöhn.
Aaaaber: Nur noch schnell. Ganz schnell. Dauert höchstens drei Minuten. Schnell ein einziges Stück Küchen. Streusel. Rhabarber. Gibt‘s nur hier – und ich LIEBE ihn! Er wird mit das Ausmisten versüßen und die Schreibtischarbeit. Und ich werde sein besonderes Süßsaures auf der Zunge spüren, wenn ich in der Waschküche verschwinde. Hmmm, denke ich, während ich vor dem Glastresen stehe und warte.
Niemand hier, außer mir und der Verkäuferin und einer Kundin, die gerade schon dran ist.
„Das wär‘s“, sagt sie gerade.
Ich lächle zufrieden. Drei Minuten? Phh – höchstens zweieinhalb!
Die Verkäuferin hinter dem Glastresen lächelt auch. Mich an nämlich. Weil ich gleich dran bin. Sie hat ein Viertel ihrer Aufmerksamkeit schon von der Kundin neben mir abgezogen. Zweieinviertel?
„Ach Entschuldigung“, die Frau hebt den Zeigefinger. Deutet auf etwas in der Auslage. „Ich nehm doch noch so eine Laugensemmel, glaub ich.“ Sie schürzt die Lippen und wiegt den Kopf. „Ach nein – geben Sie mir zwei!“
Die Verkäuferin nickt und tut wie ihr geheißen. Die Semmeln wandern in die Papiertüte. Die Kasse wird mit den notwendigen Informationen gefüttert. Na gut. Doch drei Minuten. Ich konzentriere mich auf meinen Streuselkuchen. DA! Dort liegen viele wunderbare Streuselkuchenvierecke nebeneinander. Appetitlich und sehr hübsch anzusehen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.
Ich schaue auf. Geld wandert von der Hand der Frau auf den oben stehenden Teller. Ich lächele wieder, tripple ein bisschen mit den Füßen. Forme innerlich das Wort:
Rhabarberstreusel.
Startposition.
Die Frau kramt in ihrer Geldbörse, die Verkäuferin starrt auf die Münzen auf dem Teller. Seufzt.
„Gleich“, sagt die Frau. „Gleich hab ich‘s!“
Und tatsächlich. Weitere Münzen wandern. Scheppernd gesellen sie sich zu den anderen. Die Verkäuferin nimmt sie an sich. Zählt.
Ich denke an meinen Schreibtisch und an die Wäsche. Blinzle zu den Streuseln. Eigentlich kann ich nicht länger…
Ich wechsle das Standbein. Klimpere mit dem Autoschlüssel. Und der Hund wartet auch im Auto.
„Ach!“, die Frau neben mir stöhnt auf. „Jetzt habe ich doch – entschuldigen Sie. Ich habe Ihnen zwei Euro zu viel gegeben. Bitte -!“
Ihre Stimme wetzt sich an den Worten scharf und beim knallenden „Bitte“ ist von der eigentlichen Bedeutung des Wortes nichts mehr übrig.
Obwohl das eine Unverschämtheit ist, bleibt die Verkäuferin cool.
„Das habe ich schon gesehen.“ Freundlich reicht sie das Geldstück über den hohen Tresen, legt ihn der Frau in die zur Aufnahme vorgeschnellte Hand.
Dreieinhalb Minuten werden es! Mindestens, wenn nicht vier! Meine Güte – so viel kann ich mir nicht leisten. Soll ich ohne Streuselkuchen nach Hause? Ich liebe meinen Schreibtisch und meine Arbeit – aber ich liebe auch Streuselkuchen. Vor allem mit Rhabarber!
Ich bleibe.
Viereinhalb.
Fixfertig liegen die Papiertüten auf dem Tresen. Die Frau schaut in ihre hohle Hand. Vielleicht denkt sie, dass das Zwei-Euro-Stück sich inzwischen verwandelt hat. In Brotkrümel. Oder in Streusel.
Es ist still. Wir halten den Atem an, die Verkäuferin und ich. Dieses gemeinsame Atem-Anhalten schafft eine Brücke zwischen mir und ihr, fast schon Vertrautheit.
Als die Frau ihre Tüten packt und geht, lassen wir gleichzeitig die Luft raus. Uff.
Das wartende Wort verlässt meinen Mund: Rhabarberstreuselkuchen! Ich lasse mir gleich zwei Vierecke auf das Papptellerchen legen.
„Dreifünfzig“, sagt die Verkäuferin, während sie beim Einpacken schon mit dem Papier raschelt. Sind es wirklich schon fünf Minuten?
„Also ich finde ja, dass das der allerbeste Kuchen ist, den wir hier haben. Schade, dass es nicht das ganze Jahr über Rhabarber gibt!“
Ganz verliebt schaut sie das Päckchen an, bevor sie es herüber reicht.
Die Brücke wächst. Wird breiter. Wäre bequem zu überschreiten. Wir würden uns gut verstehen, denke ich. Und während ich die wenigen Münzen in meiner Geldbörse zusammenkratze („Wenn Sie Ihr Kleingeld loswerden möchten, gerne! Ich kann es gut brauchen!“), male ich mir aus, wie das wäre. Eins meiner Streuselvierecke für mich. Und eins für sie. Gemütlicher Kaffeeplausch am Bistrotisch. Fachgespräche über die Qualität von Rhabarber, über Zuckermengen in Blechkuchen und die optimale Konsistenz von Streuseln. Gemeinsames Lachen, Schmecken, sich gegenseitig bestärken in Rhabarberstreuselkuchenliebe.
Aber ich sollte ja schon längst. Fünfeinhalb Minuten sind bestimmt schon vorbei. Und der Schreibtisch. Und die Wäsche. Und der Hund im Auto.
Bedauernd schaue ich sie an. Meine Münzen liegen auf dem Tellerchen. Die nette Verkäuferin wischt sie in ihre hohle Hand.
„Guten Appetit“, sagt sie noch.
Der Schreibtisch. Ein Teller neben mir. Darauf – ja was wohl? – Rhabarberstreuselkuchen, ein Stück. Das andere Viereck hebe ich mir auf, für später.
Ich tippe los.
„Nur noch schnell. Auja! Ich betrete die Bäckerei…“
Und plötzlich mir fällt auf: Ich bin genau da, wo ich sein will!

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