Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Webseiten und Hotlines

2 Kommentare

Ohja – wow! Briefe, die wir bekommen, überall lesen? Unterwegs und zuhause am Rechner und im Büro und am Tablet und überall? Wäre doch was, oder?
„E-Post-Scan macht Ihren Briefkasten digital. Und Sie unabhängig.“ Heißt es da. Auf der Webseite „epost.de“ der Post.
Hm. Naja – informieren könnte man sich ja mal, oder?
Meine bessere Hälfte sitzt neben mir.
„Jooah – klingt interessant. Gucken wir doch mal!“
Also: durchgeklickt und viele aufpoppende bunte Bildchen angeschaut.
Hübsch.
Und klingt wirklich toll: Absolut sicher soll dieser Post-Scan sein. Alle Briefe an mich und meine bessere Hälfte, geschäftlich und privat, und auch an alle anderen der Familie werden von der Post eingescannt und digital versendet. Und dazu landet das ganze Papier dann auch noch einmal pro Woche in meinem Briefkasten. Super, oder?
Ich bin wirklich auf Anhieb ganz doll begeistert. Will gleich auf den „Anmelden“-Button klicken.
Meine bessere Hälfte geht dazwischen.
„Warte mal. Erst mal gucken. Wie geht denn das jetzt genau? Und die Kosten…“
„Hmpf“ – Begeisterungsbremse. Aber er ja Recht. Erstmal gucken ist immer gut.
„Irgendwo kann man bestimmt anrufen“, sage ich. Anrufen ist schneller. Und besser. Und effektiver. Finde ich.
Und: Eine Hotline gibt‘s immer. Aber wo steht die verdammte Nummer?
Meine bessere Hälfte schaut kritisch. Er wär‘ natürlich für sinnlosen Surfen und feixt, weil ich die Nummer nicht finde.
Hektisch klicke ich herum.
Ich bin es ja schon gewohnt, dass Webseiten aufgebaut sind, als seien sie für Hobby-Detektive gemacht. Oder für Leute mit unbegrenzter Zeit. Oder für Internet-Sportler: Jahrelanges Training ist vonnöten und wer am schnellsten zur gesuchten Information findet, der kriegt ‘nen Pokal!
Aber das hier?! Keine Nummer weit und breit! Potzblitzsch…
„Die machen das, um uns glücklich zu machen“, sagt meine bessere Hälfte gelassen.
„Weißt du – erst zweifelst du an dir, bist gefrustet und sauwütend. Und dann plötzlich: Tataaaa! Da ist sie!“
Er hat die Schlatfläche „Menü“ gefunden und dort den Unterpunkt „Telefonische Hotline“.
Ich bin beeindruckt.
Zücke mein hübsches Schnurloses und will schon den flinken wilden Tastentanz beginnen, aber es folgt: Die Ernüchterung.
Der Link führt ins Nirwana – besser zu einem blödsakrischen Formular, in dem man vorgefertigte Fragen eintragen kann. „Was kostet einen Büchersendung“ zum Beispiel. Oder „Wo kann online eine Sendungsverfolgung für ein Einschreiben machen?“ Während ich noch überlege, wie viele Kameras die wohl brauchen, damit ich am Bildschirm verfolgen kann, wie mein Einschreiben von A nach B gelangt – und wie ich um Himmels willen das Buch das ich bei meinem Buchhändler bestellt habe nach der E-Post-Scan-Prozedur wieder aus meinem Computer rauskriege, hat meine bessere Hälfte schon wieder die zündende Idee:
Impressum!
Wir jubeln und fallen uns die Arme. Denn hier steht sie: Die Telefonnummer! Und das Beste: Sie ist warteschleifenlos! Nach wenigen Minütchen geht jemand ran. Ganz aufgeregt sind wir. Wir strahlen uns an, während die Dame am Telefon geduldig zuhört, was mein Mann ihr erklärt. „Briefe“, „Computer“, „Scannen“, „Service“ und „E-Post-Scan“ sind die Stichworte, die aus seiner ausschweifenden Erklärung heraus gegen mein Ohr prallen. Dann nochmal, sehr langsam „E-Post-Scan“, Buchstabe für Buchstabe: „E-P-O-S-T-S-C-A-N!“
Dann schweigt er plötzlich.
Schaut verdutzt.
Rollt gefährlich mit den Augen.
Und legt auf.

Das Strahlen ist aus seinem Gesicht verschwunden. Die ganze Energie und das Glück über den Telefonnnummernfund: Futsch. Mühevoll greift seine Rechte nach der Maus. Klick. Die E-Post-Info-Seite verschwindet im Dunkel des WWW.
Ich ahne Schreckliches.
„Weißt du, was die gesagt hat?“, flüstert er schließlich, „ – Die hat nur gefragt: Was? Wie heißt das? Was soll das sein? Post-Scan?“

Er tut mir sooo leid. So verzweifelt sieht er aus!

„Die hat gesagt, dass die Post sowas nicht hat. Die kannte das überhaupt nicht! Verstehst du?“
Ich stelle mir vor, dass die bunten Bilder von der blöden Webseite in seinem Kopf aufscheinen. Eine Frau an irgendwelchen Gleisen, die freudig auf ihr Tablet-Dings schaut, weil sie gerade den wichtigsten Brief ihres Lebens unterwegs lesen kann. Von der smarten Geschäftsfrau, die im blitzweißen Bademantel auf dem Hotelzimmerbett liegt und entspannt alle Korrespondenz im Griff hat, ganz zu schweigen.

Sooo schön wäre das gewesen! Armer, armer schwarzer Kater!

Drei Buchstaben wabern durch meinen Kopf, schwirren durcheinander und stellen sich schließlich in der richtigen Reihenfolge auf.

NSA. Die scannen doch eh alles, hab ich gehört.

– Ob die auch eine Hotline haben?

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2 Kommentare zu “Webseiten und Hotlines

  1. Wie gut, wenn man genau hinschaut 🙂 .
    Aber – klasse geschrieben.

    LG Anna-Lena ( die nun gewarnt ist, was sie nicht mehr machen muss)

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