Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt


16 Kommentare

Marienkäferglück günstig abzugeben

Rot, betupft, winzig, im Ruhezustand rundlich und platt und wenn er fliegt – ein bisschen wie ein roter Lamborghini  mit hochgeklappten Türen: So sieht er aus, der kleine Marienkäfer. Und bisher fand ich ihn einfach nur süß, freute mich, wenn er mich mal anflog und zählte geduldig Punkte auf seinem Rücken. Als Kinder sagten wir, dass jeder Punkt ein Jahr Glück bedeutet. Ob das stimmt? Ganz ehrlich: Nachgeprüft habe ich das noch nicht. Bis heute heute hoffte ich jedoch inständig, dass es wahr ist.
Bis heute. Denn heute habe ich so viele glückliche Jahre geschenkt bekommen, dass es nicht zum Aushalten ist. Es geschah an einem Waldrand bei Egenhofen: Ahnungslos spazierten wir so vor uns hin (mein Hund und ich) und plötzlich: Geschwirr von rechts und von links, von vorne und von hinten. Marienkäfer zu tausenden! Flugs saßen sie in Gruppen auf meiner Hose, auf den Ärmeln der Jacke, auf meinem Kopf, im Gesicht, tappten da so herum, und hielten Mittagssonnenplausch miteinander.
Ich – stocksteif die Arme von mir weghaltend, um keins der Tierchen zu zerquetschen oder anderswie zu verletzen – kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es war ein Kommen und Gehen: Kaum machte sich ein Käferchen davon, landete das nächste, das übernächste brachte das überübernächste mit, so dass ich bald Marienkäferfamilientreffpunkt war. Natürlich dachte ich sofort an all das Glück und konnte dasselbe kaum fassen. Doch nach einer Weile beschlichen mich die ersten Zweifel. Was soll ich sagen? Ich schlich mich weg.  Flüchtete. Schüttelte die kleinen Käferchen ab und machte mich davon. Und dann? Dann kam ich zum Auto zurück. Und was war da? Richtig! Marienkäferchen. Viele, viele krabbelten darauf herum, sonnten und spiegelten sich in seinem Lack, schlüpften in Gummidichtungen und winzige Lüftungsschlitze. Die Zweifel nahmen zu: Ob das sein Leben nun wirklich länger und auch glücklicher macht?

Naja. Ich schaffte es natürlich nicht, marienkäferfrei mein glückliches Auto zu besteigen. Am Ende saßen ein paar verirrte  Familienmitglieder innen an der Scheibe, am Armaturenbrett – und auf dem Beifahrersitz hatte es sich gleich eine ganze Rotte (Jugendlicher?) bequem gemacht.
Neben ihnen saß mittlerweile mein Misstrauen. Und  als ich schließlich zuhause alle (?) Käferchen aus meinem Auto in die Freiheit scheuchte, war mein Glücksgefühl schon einer leichten Panik gewichen. Was, bitte schön, soll ich mit so vielen Jahren? Kann irgendjemand sich vorstellen, wie das ist, zu fünfhundert Jahren verdonnert zu werden oder sogar zu mehr? Und glücklich noch dazu? Kein Fitzelchen Unglück und Traurigkeit, keine miesen Erfahrungen, niemals schlechte Laune oder wenigstens ein klein wenig Melancholie?
Vor einer halben Stunde fand ich dann das letzte Glücksbringerchen. Es hatte sich unter meinen Pulli geschlichen, sich ganz still verhalten und erst jetzt krabbelfüßig bemerkbar gemacht. Kurz habe ich überlegt, ob ich ein Foto machen soll. Aber ich habe es gelassen. Ich habe die Augen zugemacht und es schnellstens im Garten ausgesetzt. Nein, ich wollte wirklich nicht wissen, wie viele glückliche Jahre noch zu den anderen hinzu gekommen sind!
Bloggerinnenhilferuf *Räusper*:  Glücksjahre zu verschenken. Bei Interesse bitte melden!


6 Kommentare

Die „schöne Else“ – eine echte Glücksbringerin

Ich gebe zu, von der „Schönen Else“ habe ich bis heute noch nie etwas gehört. Und ich hätte bei meinem Spaziergang in Schöngeising den Baum auch ganz bestimmt im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen, wenn ein grünes Netz am Boden und ein knallrot gekennzeichneter Stamm mich nicht neugierig gemacht hätten. Der an den Baum gebundene Zettel klärte mich dann vollends auf: Es handle sich hier um ein Projekt der Bayerischen Staatsforsten und deshalb solle man die im grünen Netz gefangenen Früchtchen bitte auch da lassen. Zwecks Schaffung einer Erhaltungskultur.
Aha.
Ich spähe auf das Netz.  Und da – tatsächlich. Winzige Früchtchen an Stielen, oval und unscheinbar.  Elsbeeren vom Elsbeerbaum.
Elsbeeren? –  Ja. Ich bin eine Baum-Banausin und brauche das Internet für weitere Infos. Und die gibt’s zuhauf. Denn: Der Elsbeerbaum ist ein echtes Supertalent. Leider muss er besonders geschützt werden und wurde im Jahr 2011 zum Baum des Jahres gekürt. Grund: Er ist sehr selten geworden, weniger als ein Prozent der Waldfläche im gesamten Bundesgebiet sollen mit ihm bewachsen sein.
Dieser schöne Waldgenosse hat es wirklich in sich: Elsbeerenholz ist eines der härtesten in ganz Europa und es ist ein Luxusgut.  Bis zu 15.000,00 Euro werden heutzutage für einen einzigen Kubikmeter furnierfähiges Holz bezahlt. Das ist auch kein Wunder: Das Holz ist nicht nur selten, sondern auch ganz besonders:  Im Jahr 1900, bei der Weltausstellung in Paris, bekam es den Titel „schönstes Holz der Welt“.
Die Früchte, also besagte Elsbeeren, die so unscheinbar in dem grünen Netz liegen – wurden früher gegen Durchfallerkrankungen wie Ruhr oder Cholera eingenommen. Sie haben offenbar sehr viel Vitamin C und sollen sehr gut schmecken. Natürlich habe ich es nicht probiert: Brav habe ich das Pärchen, das auf dem Bild in meiner Handfläche zu sehen ist, wieder ins Netz gelegt.
Vielleicht hätte ich auch nichts vom Geschmack der Beeren gehabt: Ich lasse mich darüber aufklären, dass die Früchte zuerst Frost abbekommen sollten, bevor man sie isst oder weiter verwendet. Allerdings ist es wohl eh schwierig, an welche ran zu kommen. Die Beeren sind auch bei Waldbewohnern sehr beliebt: Vögel picken sie gerne auf, auch Kleinsäuger haben nichts gegen Elsbeere im Speiseplan. Das, so lese ich, ist unter anderem ein Grund, warum die Fortpflanzung der Baumart durch die Beeren so schwierig ist: Sie werden oft aufgefressen, bevor sie überhaupt in den Boden wandern können. Achja – die Blüten: Sie ähneln ein wenig den weißen Kirschblüten und sind eine wertvolle Bienenweide. Und die Blätter? Sie geben im Herbst ein prachtvolles rotes Bild ab.
Noch was? Klar, Geschichten gibt es über die Elsbeere auch: Die Kelten etwa glaubten, die Elsbeere könne Fluch und Unglück abwehren. Deswegen umpflanzten sie ihre Opfersteine und Kultstätten häufig mit dieser Baumart. Und auch bei den Germanen galten alle Bäume der Art „Sorbus“ (Vogelbeere, Mehlbeere, Speierling und Elsbeere) als Glücksbringer.
Der Baum mit dem schönsten Holz der Welt und ein Glücksbaum dazu! Ich schwöre: Nie mehr werde ich ihn links liegen lassen!

Übrigens: In Niederösterreich gibt es eine Gegend, in der besonders viele Elsbeeren-Bäume wachsen. Es handelt sich um Michelbach westlich von Wien. Hier gibt es immer am zweiten Samstag im Mai einen „Elsbeertag“, an dem sehen und schmecken kann, was dieser Baum so alles zu bieten hat. (Näheres unter www.elsbeerreich.at)
Weitere Infos gibt es zum Beispiel hier: http://baum-des-jahres.de/index.php?id=404
Und hier noch eine Sage: www.sagen.at/texte/sagen/schweiz/allgemein/feengrotte.html


2 Kommentare

Himmelszeichen

Rätselhafter Morgenhimmel

Rätselhafter Morgenhimmel

Morgenröte oder drohendes Unwetter? Blau oder schwarz? So sah der Himmel heute morgen über den Dächern aus. Und seltsam still war es dabei. Für einen winzigen Moment schien es unentschieden: In welche Richtung würde sich der Tag entwickeln?

Wie meiner geworden ist, weiß ich ja nun.

Und wie war eurer?


6 Kommentare

Jedes Jahr auf’s Neue


Es ist ein Schauspiel: Jedes Jahr treffen sie sich in den selben zwei Bäumen vor meinem Fenster, um auf die Reise zu gehen. Ich glaube, es sind Stare – sie machen sich auf den Weg, um in den Süden zu fliegen. Und mit ihrem Gezwitscher kündigen sie ihre lange, anstrengende Reise an. Fast scheint es, als würden sie sich verabschieden.
Sie nehmen den Sommer mit. Aber für mich ist das kein Grund, traurig zu sein. Ich mag den Herbst. Und den Winter auch.
Plötzlich wird es still. Es ist das Startsignal. Sie fliegen auf und ich schaue ihnen nach. Gute Reise! Kommt heil zurück im nächsten Frühling!


Hinterlasse einen Kommentar

Ein ganzer Kerl von knapp 600 Jahren!

ChristopherusGestern bin ich tatsächlich einem „richtigen Kerl“ begegnet. Ja! Mir hat er ausnehmend gut gefallen, obwohl er schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat: 580 sollen es ungefähr sein. Und gesehen habe ich ihn in der Kapelle St. Georg in Roggenstein bei Eichenau. Zum letzten Mal in diesem Jahr öffnete der Verein „Kapelle St. Georg Roggenstein e.V“ die alte Holztür an dem unscheinbaren Gotteshaus für Besucher.
Zugegeben: Die anderen gotischen Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert haben wirklich auch alle Bewunderung verdient, der Barockaltar thront beeindruckend in dem kleinen Kirchenraum – gar nicht zu reden von der schönen Girlandenbemalung der Holzdecke, den kleinen Skulpturen oder den frisch restaurierten Kreuzwegstationen.
Die kleine Kapelle auf dem Hügel hat es wirklich im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Aber – und das gebe ich hier einfach mal so zu: Der Star des Tages war für mich eben dieser Christopherus, der überlebensgroß neben die Tür mir förmlich entgegen sprang.
Wer da wohl vor beinahe 600 Jahren Modell gestanden hat? Zu gerne würde ich das wissen! Denn dieser Christopherus tritt einem so beschwingt entgegen, er strahlt so viel Energie und Tatendrang und Entschlossenheit aus, dass es mir ganz warm wird ums Herz. Gibt es irgendwas, das diesen Mannes aufhalten könnte? Ist eine Gefahr vorstellbar, mit der er nicht fertig werden würde? Drachen? Seeungeheuer? Fluten, Sturm und Regen? Phhh! Rein gar nIchts gibt es, was sich ihm in den Weg stellen könnte – was ihn davon abhalten würde, sein Ziel zu erreichen! Ein echter moderner Held also, dieser fast 600 Jahre alte Kerl! Alle Will Smiths und Hagrids und Vin Diesels und Daniel Craigs könnten vor Neid erblassen. Das Christuskind jedenfalls scheint meiner Meinung zu sein. Sehr gelassen und sicher und überhaupt nicht ängstlich sieht es aus, wie es da auf den Schultern des Mannes sitzt und sich an seinen wilden Haaren festkrallt.
Mir gefällt er, der Christopherus mit dem durchdringenden Blick. Und: Angst vor dem, was mir an Alltäglich-Ärgerlichem, Nervigem, Blödem, Unangenehmen in dieser Woche begegnen könnte?
Herbstblues?
Durchhänger?
– NÖ!

Nachtrag: Die Kapelle ist erst wieder im Frühling 2014 zu besichtigen. Sie ist wirklich einen Besuch wert – und nicht nur wegen des Christopherus! Nähere Informationen gibt es hier:
Kapelle St. Georg in Roggenstein


4 Kommentare

Seitenstreifenbegegnung

Diesmal komme ich nicht mit einem Foto zur Geschichte nach Hause. Diesmal war ich einfach zu langsam. Naja- ich gebe zu, auch wenn ich schneller gewesen wäre, hätte es nicht viel genützt. Denn ein Foto aus dem Auto heraus zu schießen, wenn ich am Steuer sitze und – wie nennt man das?  – mit angepasster Geschwindigkeit über die B471 fahre – das hätte ich mich sowieso nicht getraut.

Außerdem hat es eine Weile gebraucht, bis mir überhaupt eingefallen war, dass ich hätte ein Foto machen können. Denn erstmal musste ich zu dem Ding, das da am Straßenrand lag, ein Bild in meinem Kopf und zu dem Bild einen Begriff finden. Denn sowas liegt nicht jeden Tag so am Rand der Bundesstraße. Die übrigens keinen Seitenstreifen hat, auf dem man hätte halten und das Etwas ablegen können und die zur Nichtstraßenwelt hin auch noch mit einem sanften Hügel abgeschottet ist.

Tja und jetzt frage ich mich, seit der Begriff für das Ding sich in meinem Kopf breit gemacht hat: Wie ist es da bloß hin gekommen?
Es war grün. Giftgrünneonfarben, genau genommen. Und es war: Wenn ich mich nicht irre: Ein Katzenklo. Jawoll. Ein griftgrünneonfarbenes Katzenklo. Nicht so eins, bei dem man die Haube abnehmen kann, um es sauber zu machen, sondern eins mit Wanne und innenwärts gewölbtem Rand. Aus einem Guss, sozusagen.

Dass so ein Katzenklo gemeinhin mindestens so um die fünfundfünfzig Zentimeter lang, fünfundzwanzig Zentimeter hoch und dreißig Zentimeter breit – also ein Mords -Trumm ist, macht die Beantwortung meiner Frage auch nicht leichter.

Seit gestern stelle ich mit das jetzt vor: Jemand fährt seelenruhig auf der Bundesstraße, das Radio spielt ein tolles Lied, vielleicht scheint sogar die Sonne durch die Frontscheibe. Alles super, alles toll. Und dann? Lässt der Beifahrer oder die Beifahrerin die Seitenscheibe runter und wirft lässig und locker das griftgrünneonfarbene Katzenklo hinaus? So wie manche Leute Kippen aus dem Fenster schnippen oder Papierschnipsel oder volle Hundekacktüten?

Ja! Bei der Weiterfahrt habe ich ein wenig Recherche betrieben und die Augen öfter mal am Seitenstreifen entlang wandern lassen. Schließlich: Vielleicht hatte der Katzenklowerfer oder sonstwer ja sonst noch was übrig, was er los werden wollte. Und wer weiß, vielleicht hätte es ja was Brauchbares sein können! Ein hübscher Klappcampingtisch vielleicht? Oder ein Paar zum Sterben schöne Designerpumps, Größe siebenunddreißig?  Oder wenigstens einen Kartoffelstampfer (wo meiner unlängst nach dreißigjährigem treuen Dienst leider verschieden ist)? Gesehen habe ich aber neben dem ordentlich oben zugeknoteten besagten Behältnis für Hundekot noch drei Bierflaschen, irgendwelches Alufolienzeugs, immer wieder Papierschnipsel, Bäckertüten und eine Plastikwasserflasche (leer).

Ich stelle mir also vor, was sich im Auto des Katzenklowerfers zugetragen hat:

– Was hast du denn da auf dem Schoß?
– Ein Katzenklo.
– Ich hatte dir doch verboten, ein Katzenklo zu kaufen, oder nicht?
– Ja, aber…Papa!
– Nix aber. Hatte ich es verboten oder nicht?
– (Schweigen)
– Antworte gefälligst!
– Du nervst!
– Freche Göre.. Dir werd ich… Ich… Verboten…
Der Rest geht in undefinierbaren Geräuschen, Reifenquietschen des schlingernden Autos und Gehupe unter. Dann summt der Fensterheber. – Es passiert. Das Ding fliegt raus. Am Ende hört man die weinerliche Stimme der „frechen Göre“:
– Aber die Katze…. Ich dachte, Du freust dich, wenn sie nicht mehr in deine Slipper…

Vielleicht war‘s so, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wollte jemand auch nur ein giftgrünneonfarbenes Zeichen setzen. „Mehr Gerechtigkeit für alle Katzenklos der Welt!“ Oder jemand hat das Ding im nahen Baumarkt gekauft und zu spät gemerkt, dass er eher einen Papageienkäfig gebraucht hätte. Hm. Was ich aber auch noch plausibel finde, ist, dass das Katzenklo (giftgrünneonfarben) das Resultat einer Männerwette ist. Nach dem Motto: Wer hat das größere Beifahrerfenster? Und, ja genau: Beim Verlierer steckt das Ding noch heute im Fensterrahmen fest.
Achja, auch das: Hab ich nicht erst neulich gelesen, dass es bald Roboterautos geben soll? Ich stelle mir vor, das Robotertestfahrzeug steht im Stau und der selbstdenkende Heckklappenverschluss war leider noch nicht richtig programmiert. Beim Anhalten hat er das Seitengrün für die heimatliche Rasenfläche neben der Garage gehalten und sich selbst betätigt. Daraufhin ist die Kofferraumausräumautomatik in Gang gekommen – et voilà!

Aber es ist, wie es ist: Die wahre Geschichte des giftgrünneonfarbenen Plastikdings kennt nur einer. Und dass ich ausgerechnet dem (oder der?) bei meinen Streifzügen durch den Landkreis mal begegne, glaube ich eher nicht. Ich (und mit mir jeder Leser und jede Leserin) werde also lustig weiter spekulieren und schwadronieren und rätselraten müssen.
Vielleicht ist das aber sogar das Schönste an der ganzen Geschichte.