Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Botschaften eines Rindenritzers

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Baum mit Botschaft

Baum mit Botschaft

Ein Zufallsfund beim Spaziergang im Wald bei Längenmoos: Hurra, ein schöner Baum! Grund genug für mich, ein paar Schritte vom Weg abzuweichen und mich unter das Blätterdach zu stellen. Einfach weil‘s schön ist. Und dann? Ich habe meinen Kopf ziemlich weit in den Nacken gelegt und entdecke: Da steht was, da sind große Buchstaben und Zahlen in die Rinde geritzt. 1974, 22. Juni, BRD – DDR 0 : 1, und noch ein paar Zeichen, die ich nicht zuordnen kann.
Nach einigem Nachdenken wird klar: Es geht um die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Die Mannschaft der DDR besiegte die deutsche Nationalelf in der Vorrunde mit 1 : 0. Das Tor schoss Jürgen Sparwasser in der zweiten Halbzeit, um die 77. Minute herum. (Die Quellen sind hier undeutlich: Während man auf Wikipedia nachlesen kann, es sei in der 77. Minute geschehen, spricht das DDR-Fernsehen in der Live-Übertragung des Spiels von der 78. Minute, andere Quellen geben auch die 79. Minute an.)
Irgendjemanden wird‘s wohl damals im Wald gefreut haben. So sehr, dass er den Sieg der DDR-Mannschaft im Wortsinne ,verewigt‘ hat: Große Lettern, deutliche Schrift.
Oder wollte hier jemand seinem Ärger über das schlechte Abschneiden der bundesdeutschen Mannschaft Luft machen? – Ich glaube das nicht. Denn Botschaften in Baumrinden – sind das nicht eigentlich immer Botschaften der Freude und vor allem der Liebe, die mindestens die Ewigkeit überdauern sollen?
Für mich ist die Rinden-Inschrift jedenfalls Grund genug, mich über das Fußballereignis schlau zu machen. 74? Da war ich 15 Jahre alt und hatte andere Sachen im Kopf als Fußball! Ich erinnere mich, dass es der Sommer war, bei dem ich mit anderen Jugendlichen meines Jahrgangs in meiner Bodensee-Heimat auf den See hinausfahren durfte, um den „Seehas“ zum Start des gleichnamigen Festes einzuholen. Und dass wir – just an dem Tag, an dem das Endspiel Deutschland – Niederlande stattfand, beim Festumzug auf einem Wagen mitfuhren. Bis der Umzug vorbei und wir mit allen Aufräumarbeiten fertig waren, hatte das Spiel schon begonnen. Ich erinnere mich, dass ich durch leergefegte Straßen nach Hause gegangen bin und in ein Wohnzimmer kam, in der alle Familienmitglieder mit roten Köpfen vor dem Fernseher saßen, weil es nach zwei Elfmetern gerade eins zu eins stand.
Über das Vorrundenspiel, an das ich keine Erinnerungen habe, finde ich Erstaunliches. Dass dieses Spiel die einzige Begegnung der beiden deutschen Nationalmannschaften überhaupt war. Oder: Dass der „Kaiser“ Franz Beckenbauer schon damals gerne regiert hat: Denn obwohl „nur“ Spieler-Kapitän, hat er seinem Trainer Helmut Schön nach dieser Niederlage ganz schön ins Handwerk gepfuscht – und immerhin das Ruder noch herumgerissen. Denn Deutschland wurde bekanntermaßen ja doch noch Weltmeister im eigenen Land.
Der Torschütze Jürgen Sparwasser wurde in der DDR als Held gefeiert – aber nur so lange, bis er 1988 in die Bundesrepublik floh. In den Annalen der DDR tauchte er ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf. Sein Trikot von damals ist übrigens heute im Bonner Haus der Geschichte zu sehen.
Apropos Trikot: Die Spieler durften ihre Trikots nach dem Spiel nicht öffentlich tauschen. So viel Nähe und Verbrüderung wollten DDR-Funktionäre wohl nicht zulassen. Ich habe gelesen, dass der Tausch aber doch noch stattfand: In der Kabine, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das hat was, finde ich – es ist fast ein Akt der heimlichen Revolte.
Achja: Die „Fans“ aus der DDR, die damals im Hamburger Stadion in einem Block fahnenschwenkend saßen und mit dem Schlachtruf „ – Acht – Neun – Zehn – Klasse!“ ihre Spieler anfeuerten, waren keine normalen Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates. Es waren sorgfältig ausgesuchte Funktionäre und mehrere hundert als Fans verkleidete Stasi-Leute, die in Sonderzügen zur „Aktion Leder“ in Hamburg anreisten. Leider ist die Geschichte von einem von ihnen, dem Stasi-Offizier Werner Teske, weitgehend vergessen. Weil er später Zweifel an Lehre und Feindbildern der SED-Ideologie bekam und vorhatte, nach Österreich zu fliehen, wurde er 1980 verhaftet, zum Tod verurteilt und am 26. Juni 1981 erschossen.
Puhh! So viele Geschichten! Und welche verbergen sich wohl noch hinter der Rindenritzerei, die mir mal wieder so zufällig ,über den Weg gelaufen‘ ist? Wenn ich noch was darüber rauskriege, werde ich darüber berichten. Versprochen!

Alle Infos habe ich aus dem Netz aus verschiedenen Artikeln herausgesucht. Die Geschichte des Spions kann man hier nachlesen: http://www.faz.net/themenarchiv/2.1084/deutschland-und-die-wm/wm-1974-die-stasi-und-der-fussball-1332249.html 
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