Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Stolpersteine – und diesmal ein ziemlich ernster Text

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Das Scherrer-Haus in Schöngeising

Das Scherrer-Haus in Schöngeising

Steine in den Weg gelegt bekommen, das möchte eigentlich niemand. Schon gar keine Stolpersteine. Sie zwingen einen, abzubremsen und stehen zu bleiben. Mitten aus dem Lauf heraus den Blick aus der Ferne zu holen, ihn auf dieses Ding vor den eigenen Füßen zu richten. Auf das Ärgernis, das einen daran hindert, weiter vorwärts zu hasten, den Zielen entgegen, die irgendwo am Horizont lockend ihre Arme schwenken.
Stolpersteine sind lästig. Man möchte sie wegräumen. Ignorieren. Drumherum gehen. – Zumal sie einen, wenn man ganz un-achtsam ist, auch noch ganz schön ins Straucheln bringen – und schmerzen können.
Doch Stolpersteine sind noch viel mehr: Eine Chance, ich würde sogar sagen, ein Luxus. Gerade weil sie dazu zwingen, innezuhalten. Achtsam zu sein. Hin- und nicht vorbei zu sehen. Die Schmerzen auszuhalten.
Der Künstler Gunter Demnig aus Frechen bei Köln macht Stolpersteine. Es sind kleine Rechtecke aus Messing und sie erinnern an die Opfer des Naziterrors. Über 40.000 von ihnen hat Demnig schon in Deutschland und Europa in den Boden eingelassen  – vor den Häusern, in denen die Verfolgten vor ihrer Verschleppung und Ermordung als normale Bürger gelebt haben.
Demnig kommt nun am 10. September nach Schöngeising, um gegen 16 Uhr auch hier einen Stolperstein zu setzen. Vor dem Haus, in dem die Malerin Johanna Oppenheimer vor ihrer Festnahme gelebt hat: Dem Scherrer-Haus, das heute Gemeindehaus ist, in der Amperstraße 22. Johanna Oppenheimer wurde von den Nazis von hier verschleppt, zuerst ins Sammellager Milbertshofen, später nach Theresienstadt, wo sie 70jährig, einen Tag vor Weihnachten 1942 starb.
Die Gemeinde Schöngeising hat sich den Luxus geleistet: Mitten im ausgelassenen Festgetümmel zur 1250-Jahr-Feier will sie anhalten. Auf den Boden schauen – und damit auch in den Abgrund einer dunklen Zeit, vor der auch der schöne Ort an der Amper nicht gefeit war. Ich finde das, ganz ehrlich, einfach großartig.

stolpersteine.eu: Stolpersteine
Kulturverein Schöngeising e.V.

Nachtrag: Am 10.09. um 10.30 Uhr veranstaltet der Kulturverein Schöngeising eine Lesung im Bürgerhaus:
„Schwarze Milch in der Frühe – Literatur aus dem Lager“
Mit Texten von Paul Clean („Todesfuge“), Edgar Kupfer-Koberwitz („Als Häftling in Dachau“) und Peter Weiß („Die Ermittlung“).
Musik; Erik Satie, Viktor Ullmann und Rudi Guguel
Lesung: Michaela Stögbauer und Rolf P.Parchwitz
Klavier: Monika Stöhr
Dramaturgie und Textmontage: Rolf P. Parchwitz
Mitarbeit: Martina Schnell

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4 Kommentare zu “Stolpersteine – und diesmal ein ziemlich ernster Text

  1. Auch hier bei uns (Gütersloh, Rheda/Wiedenbrück) liegen schon solche Stolpersteine. Eine wirklich gute Aktion gegn das Vergessen!
    LG, Petra

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