Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Von Vorurlaubsmonstern und Stresstieren

2 Kommentare

Sommersonntagsfrühstück

Sommersonntagsfrühstück

Sonntagmorgenfrühstück im Café. Es ist angenehm luftig, der Cappuccino schmeckt golden, die frischen Brötchen sind eine Wucht. Kurzurlaub zuhause, denke ich. Eine Wonne, denke ich. So ein schönes Sommermorgengeschenk, denke ich.

„Ich bin schrecklich im Stress. Morgen fliegen wir in Urlaub und ich muss noch so viel erledigen!“
Das war am Freitag. Die Frau am anderen Ende seufzt. Ihr ganzes Gehetztsein brandet an mein Ohr wie eine Welle des Ozeans, an dem sie die nächsten zwei Wochen verbringen will. Ab morgen. Oder übermorgen – je nachdem, wie lange ihr Flug dauert.
„Also nochmal, entschuldigen Sie – hier kommt gerade ein Anruf rein – schildern Sie mir doch noch einmal schnell ihr Problem, ja? Moment – ich bin gleich für Sie da….“
Die Frau tut mir leid. Ehrlich.
Ich stelle mir vor, wie ihre Gedanken Karussell fahren: Sie hat drei Kinder, einen Mann und einen Job. Sie arbeitet in ihrem Home-Office, wie sie das neudeutsch nennt und will unbedingt noch alles fertig kriegen bis zum Abflug-Termin. Morgen.
Neben ihr stehen, ich sehe es vor mir, Wäschekörbe voller Wäsche, die noch in den Koffern verstaut werden müssen.
Kuscheltiere. Gummischwimmgetier für den Pool. Kleine Taucherbrillen und Badelatschen. Lieblingsspielzeuge. Sicher auch elektronisches Zeugs samt Aufladekabelgewirr. Fotoapparat und  – wo ist bloss die zweite Speicherkarte? – Zubehör. Sonnencreme, Schampoo, Duschgel, Schlafkuscheldecke, Schnuller, Fläschchen, Windeln.
Die Waschmaschine läuft auf Hochtouren, das eigene Lieblingsshirt muss da noch rein und hat sie eigentlich schon genügend Proviant für die Reise eingekauft? Und zum zwanzigsten Mal erklärt sie einem Knirps, dass die große Lego-Weltraumstation unmöglich in den Flieger passt.
Oh Gott! Mir wird ganz heiß, während ich am Telefon geduldig auf sie warte. Sie spricht noch immer in den anderen Apparat. Ich höre ihre Stimme, die dabei ist, ihren Wohlklang einzubüßen – vor lauter Anspannung und Stress und Mühe.

Nach Florida wollte sie, wie sie mir noch erzählte, bevor sie mir wirklich noch atemlos die Frage beantworten konnte, die sie beantworten sollte. Kurz bevor sie ins nächste Meeting musste. Florida? Wär eh nix für mich, dachte ich noch. Eher schon Irland, Westalgarve. Afrika! Kanada!
Jetzt ist sie bestimmt schon da. Ich rechne. Wahrscheinlich ist es die erste Nacht im Hotel.  Und ich? Ich sitze im Café, schlürfe meinen Frühstückscappuccino und denke an sie.
Und an mich selbst. An dieses Vorderreisegefühl – den mit „Dasdarfichaufkeinenfallvergessen“-Texten vollgeknallten Kopf. Die steigende Ungelduld mit allem, was meinen Perfekt-Plan zu bombardieren drohte. Alle anderen kamen mir vor wie trödelnde Bremsbacken, Perfektionsverhinderer, Zieleinlaufblockierer, die ich in Schach halten und in meine Richtung schubsen musste.
Muss das anstrengend gewesen sein! Für mich – und auch für jeden anderen, der daran beteiligt gewesen ist.
Lange vorbei? Schön wär‘s. Ab und zu beißt es mich noch ins Wadenbein –  das Ich-schaff-das-ganz-allein-Monster, das Es-muss-alles perfekt-vorbereitet-sein-und-zwar-von-mir-Tier.
Aber immerhin: Seit einer Weile rede ich ihm gut zu. ich streichele es hingebungsvoll und giebig. Und allmählich trottet es immer öfter brav neben mir her. Nicht gebändigt. Aber irgendwie versöhnt.
Ich schlürfe meinen Cappuccino und wünsche der netten Helferin und ihren Lieben von ganzem Herzen den schönsten Urlaub aller Zeiten.

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2 Kommentare zu “Von Vorurlaubsmonstern und Stresstieren

  1. Allein beim Lesen werde ich schon zappelig. Was man bei Vorbereitungen mit einer ganzen Familie so alles bedenken muss. Und am Urlaubsort geht es sicher weiter. Wo bleibt dabei die Erholung?

    Klasse geschrieben 🙂 , hat Spaß gemacht, zu lesen.

    Hab einen möglichst gemütlichen Sonntag 😉

    • Es freut mich sehr, dass es dir gefallen hat. Und Familienurlaub? Mache ich bald. Mit Familienzuwachs in Form den Liebsten der Kinder. Und Hund. Wird Zeit, dass ich mich in Gelassenheit übe! Ooooommmmmm!! 🙂

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