Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Ach, du meine Bauchbeule!

7 Kommentare

KleidBus weg – S-Bahn noch nicht. Aber bald.
Bettelblick vom Allerbesten: „Kannst du mich bitte schnell-?“

Ich schäume ein bisschen mit der Zahnpasta: „Hmm. Bann pann if pleif einpaufen.“
Verständnisloser Blick. Erst auf mich. Dann auf seine Uhr.
„Ja. Aber die S-Bahn…“
Klar. Also los: Mund ausspülen, Geldbeutel holen, Einkaufstasche schnappen, Schuhe an. Fertig.

Ohje. Der Spiegel! Er hängt an der Tür. Das heißt – eigentlich sind es zwei Spiegel nebeneinander. Gewellt. Von einem großen schwedischen Möbelhaus. Und beide hängen schief, weil mein Jüngster das vor vielen Jahren so wollte.

– „Nein Mama. Der darf nicht gerade hängen. Der MUSS schräg sein. So!“
– „Aber dann sieht man sich ja nicht.“
– „Doooooch – guck: Ich seh mich.“ Er (er ging mir damals grad bis zur Taille) neigte seinen Körper zur Seite, streckte die Arme nach oben und rechts. Gelenkig, gelenkig!
– „Geht doch.“
– „Ja, bei Dir. Aber ich? Ich fürchte, ich bin nicht schräg genug.“
Prüfender Blick von oben nach unten: „Doch. Bestimmt!“
Seufz. Kreative Ideen der eigenen Kinder soll man unterstützen! Fördern das Selbstbewusstsein! Vor allem von Jungs!

Jedenfalls: Das Bisschen, das ich im schrägen Spiegel jetzt sehe, wirft augenblicklich meine Stirn in Falten.
Schlabberschreibtisch-Heißetagekleid. Geblümt. Aus dem Jahr 19-da-war-ich-noch-schlank. Jetzt wellt sich nicht nur der Spiegel, sondern leider auch die Kontur des Kleids. Samt Blümchenmuster. Vor allem am Bauch. Und um die Hüften rum.
„Kann ich wirklich so zum einkaufen?“ Meine Gedanken rennen voraus ins Badezimmer. Da sind Hose und T-Shirt. Reicht die Zeit zum Umziehen?
„Klar kannst du so gehen. Warum denn nicht?“
Der Allerbeste neben mir. Die Aktentasche baumelt. Na gut. Wenn er‘s sagt!

Ein Mann bremst die Eile beim Ausparken. Er geht hinter dem Wagen vorbei. Dunkler Anzug. Weißes Hemd. Lackschuhe. Wohlfrisiert. Schlank. Oh Gott – und ich in DIESEM Kleid! Instinktiv ziehe ich den Bauch ein. Mir bricht der Schweiß aus: Kann ich wirklich nachher im Supermarkt – SO? Im bauchbetonten Blümchenschlabber?

Meine Sorgen verfliegen auch auf der rasanten Fahrt nicht. Ebenfalls nicht, als mein Allerbester mir sein liebevollstes Lächeln schenkt. Naja – ich könnte doch vor dem Einkaufen noch schnell zuhause vorbei…
Die S-Bahn ist schon da. Mein Allerbester spurtet los, er ist weg, meine Sorgen bleiben.

Auf der Rückfahrt sehe ich den Anzugmann. Wieder reagiert meine Bauchmuskulatur. Macht sie irgendwie automatisch. Jahrelange Konditionierung ist das, denke ich, durch andauerndes Modepüppchen-Bombardement. Der Anzugmann geht auf dem Radweg, mir entgegen – offenbar will auch er zum Bahnhof. Die Anzugjacke aufgeknöpft, die schön frisierte Locke ein wenig feucht in die Stirn gefallen, marschiert er tapfer in der prallglühenden Sonne seiner Bestimmung entgegen.
„Das hätte ich mal wissen sollen“, denke ich. „Der Arme – wir hätten ihn locker mitnehmen können! Im schwarzen Anzug! Lackschuhe! Bei DER Hitze!“ Er tut mir aufrichtig leid. Zum ersten Mal heute mag ich mein olles Sommerkleid. Wenn nur nicht die Bauchbeule…

Im Supermarkt erledige ich meine Einkäufe im Sauseschritt. Milch, bio. Kaffee, fair gehandelt. Quark, ah – und Kekse! Mehr brauche ich nicht – gottseidank! Mein Kleid huscht nur so rum, der Rock flattert um Regalecken, erst an der Kasse gibt‘s den Zwangsstopp. Blöd. Meine Bauchmuskeln tun ihren Dienst, die übernächste bin ich, so lange halte ich das aus.

Da fällt mein Blick auf die Frauenzeitschrift, die in einem Ständer augenfällig drapiert laut „Kauf-mich“ schreit. Das Gesicht einer Schönen und ganz bestimmt Schlanken lächelt mir aufmunternd zu. Orangefarbene Buchstaben vor ihrem Dekolleté: „Entspannt Selbstbewusst – Was wir von Männern lernen können (z.B. nie mehr übers Bäuchlein meckern)“

FLOPP!! Augenblicklich lassen meine Bauchmuskeln los. Allen schwitzenden Anzug-, und allen entspannten Männern und auch allen kleinen Jungs  – vor allem aber dem Allerbesten sei Dank!
Lässig zahle ich, packe meine Sachen und tänzle zur Tür hinaus.
Mit allen Wellen im Schlabberblümchenkleid.
Wunderbar entspannt UND selbstbewusst!

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7 Kommentare zu “Ach, du meine Bauchbeule!

  1. Eine einzige Zeitschriftenüberschrift reicht bei dir schon aus, um dich wohlzufühlen? – Da bist du echt zu beneiden. – Ich habe den Spieß umgedreht – ich habe beschlossen, so sehe ich jetzt aus und 58 kg – das war früher, jetzt sind es einige mehr – na und??????? – aber es kostet mich auch einige Mühe, daran fest zu glauben – gefallen tut es mir nicht. Aber deswegen wieder mit rauchen anzufangen ode rmit übermäßigem Sport – das will ich auch nicht. Also – dann ist es eben so.

  2. 🙂 Goldig… Ich dachte nur Männer ziehen den Bauch ein… 😀

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