Der rote Sonnenschirm

Mein Guck auf's Ammerland und den Rest der Welt

Good Stuff!

4 Kommentare

Neulich war‘s, in der S-Bahn. Tür auf. Tür zu. Der Boden der Bahn bebt. Stiefelgestampfe und Kettengerassel. Vier Punks. Drei Männer und eine Frau. Sie setzen sich in die Vierergruppe auf der anderen Seite des Gangs. Mir gegenüber. Nieten an schwarzen Klamotten und an allerlei Stellen in der Gesichtshaut. Irokesenschnitte. Schwarze Schnürstiefel bei neunundzwanzig Grad draußen und zweiundvierzig drinnen.

 – Na toll.

Sie (rechte Sitzbank Fensterseite), ihr Zungenpiercing schlängelt sich zwischen den schwarz geschminkten Lippen: „Hast du was Flüssiges?“
Er (linke Sitzbank Gangseite) wühlt in dem speckigen Ding, das in einem früheren Leben mal ein Rucksack war: „Ja. Aber es ist nur Bier hier drin.“

– Bier. Klar. Was soll sonst drin sein!

Sie (rechte Sitzbank Fensterseite) schürzt die schwarzen Hexenlippen: „Ach schade. Danke.Wollte was ohne Alk.“
Er (linke Sitzbank, Gangseite) streift sich die einzige Strähne, die auf seinem Glatzkopf wuchern darf wie Efeu, aus dem Gesicht: „Hab ich nicht mehr. Tut mir jetzt echt leid.“
Sein Gegenüber (RECHTE Sitzbank, Gangseite) lässt plötzlich seine Faust auf den Rucksack heruntersausen. Die Bierflaschen klirren. Der Besitzer (wir erinnern uns: linke Sitzbank, Gangseite!) schreit: „Hey – spinnst du jetzt?“
Er (rechte Sitzbank, Gangseite) greint: „Und ich hab meinen Multivitaminsaft vorhin stehen lassen. Voll behindert!“

– Ich luge vorsichtig in den Wagen hinein. Gibt es irgendwo weit weg von hier noch freie Plätze?

Doch er (linke Sitzbank, Gangseite) nickt. Ganz gechillt: „Ja dann!“
Er (rechte Sitzbank, Gangseite) nickt auch: „Ja. Voll beschissen.“
Alle stimmen in das Schweigen des Kandidaten ein, der in der linken Sitzbank, Fensterseite, stumm vor sich hinbrütet, seit er eingestiegen ist.

 – Puh. Alles gut. Alles easy.

Er (linke Sitzbank, Gangseite) wühlt schon wieder in dem speckigen Sack herum. Zieht zuckende Reissverschlüsse auf und zu, bringt damit unsichtbare Glöckchen zum Klingen. Sein Gegenüber (rechte Sitzbank, Gangseite) verschränkt die Arme über der Brust und grinst: „Jetzt kommt‘s.“
Endlich hat er (linke Sitzbank, Gangseite) gefunden, was er gesucht hat: „Hier. Total geil, der Stoff.“

 – Stoff! AHA! Verstohlen halte ich Ausschau nach der S-Bahn-Wache. 

Mir gegenüber gucken derweil alle angestrengt. Auf eine Dose. Genauer gesagt, aufs Etikett.
Sie (Rechte Sitzbank, Fensterseite), winkt ab. „Kenn ich schon. Haut voll rein, sag ich dir.“
Er (rechte Sitzbank, Gangseite) lacht wie verrückt: „Echt? Ne, kenn ich nicht! Schlucken wir die? Heute noch?“
Er (linke Sitzbank, Gangseite (der mit dem Rucksack)): „Klar Mann! Heute noch!“
Die anderen nicken. Begeistert.

 – Blöde Kurzsichtigkeit. Nix zu entziffern, wie sehr ich auch glupsche. Schade-aber-auch! Bestimmt was Verbotenes! Was GANZ SCHLIMM VERBOTENES!

Er (linke Sitzbank, Gangseite): „Die kosten nur einsfünfundneunzig, hey! Hast du das gewusst? Der Chris, dieser Spacko, der hat fünf Euro nochwas dafür hingelegt! Fast sechs Euro! Der hat nen Schaden, sag ich dir!“
Sie (rechte Sitzbank, Fensterseite) holt irgendwas aus irgendeiner Hosentasche, legt es auf ihre Piercingzunge und kaut dann drauf rum. Schiebt gleich ein zweites Irgendwas

(- WAS das wohl ist?)

– hinterher: „Echt? Sechs Euro? So ‘n Arsch!“
Er (linke Sitzbank, Fensterseite (der, der bisher nur geschwiegen hat)): „Klaro Mann. War ja auch vegan, Mann.“

 – Wie? Was? Vegan!?

Er (linke Sitzbank, Gangseite): „Ach echt? Vegan? Aber trotzdem, sechs Euro – voll krass!“
Sie (rechte Sitzbank, Fensterseite): „Ach, vegan. Alles klar.“
Er (rechte Sitzbank. Gangseite): , Vegan! Ja, dann!“
Er (linke Sitzbank, Gangseite) schüttelt die Dose und schaut sie an. Liebevoll fast: „Scheiße. Klar, Chris hat seine Ravioli im Bioladen gekauft. Logisch – ich meine, da weiß man, was los ist. Ich meine, die hier, die sind bloß vom dm. Und nicht vegan, bloß vegetarisch. Man kann jetzt sagen, das ist so‘n Markenquatsch und so. Von wegen Vertrauen und so. Aber einsfünfundneunzig! Ich meine –  also echt, voll krasse vegetarische Bio-Ravioli für EINSFÜNFUNDNEUNZIG!“

Alle nicken eifrig. Gucken eine Weile fasziniert.

Schließlich sie (rechte Sitzbank, Fensterseite). „Wir müssen jetzt raus. Nächste Station.“
Stiefelgestampfe und Kettengerassel. Der Boden der Bahn bebt. Tür auf.

– Bevor sie sich wieder schließt, höre ich gerade noch …

Sie (schon fast draußen): „Ne du, tut mir echt leid. War mein letztes Salbeibonbon. Sorry!“

– So kann frau sich täuschen!

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4 Kommentare zu “Good Stuff!

  1. einfach KLASSE!
    LG, Petra

  2. Danke für das breite Lachen, von einem Ohr bis zum anderen, für diese herzwarme Geschichte.
    DAS ist das Leben, nicht wahr ? Die Erwartungen brechen 🙂

    LG.

    Lila

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